Vernetztes Wohnen

Exklusive Interviews

Braunschweig,  15. September 2015


Interview Ursula Fuss | Architektin | Barrierefreies Bauen

Sie gilt in Deutschland als Expertin für barrierefreies Bauen und Architektur: Ursula Fuss. Die Projekte der Architektin fußen auf einem systemischen Ansatz, der Barrierefreiheit in den Kontext von Umwelt, Raumgestaltung und Geometrie stellt – und dabei die pragmatische Nutzung mit Ästhetik verbindet.

Wirtschaftsbrief Gesundheit (WIB) sprach mit ihr über Mobilität und Barrierefreiheit in der Praxis – und den Status Quo in Deutschland. Interview: Thordis Eckhardt.


WIB: Frau Fuss, Sie sind Spezialistin für optimierte, praxisorientierte, barrierefreie Lösungskonzepte. Welche Rolle spielen Architektur und Mobilität in Ihrem Leben?

Ursula Fuss: Mobilität ist abhängig davon, wie sie genutzt wird, ob zum Gehen, Fahren, Laufen oder in der Kombination wie bei einem Rollator. Die Architektur ist für mich der Maßstab, ob ich mich mit allen Mobilitätsarten darin bewegen kann. Nehmen wir das Beispiel von ‚Stufen’: Sie verwehren mobilitätseingeschränkten Menschen wie mir den Zutritt zu einem Gebäude. Nun gibt es Konstruktionen, die diesen Höhenunterschied ausgleichen, Treppenlifte oder Hebebühnen. Das ist sinnig und hilfreich. Allerdings – und hier kommt ein wichtiger Aspekt ins Spiel – berücksichtigen die meisten barrierefreien Produkte nicht den Aspekt der Wahrnehmung der Einzelnen: Mobilitätseingeschränkte Menschen fühlen sich mit den Lösungen zur Schau gestellt.


WIB: Wie steht es um den Status quo von Barrierefreiheit in Deutschland?

Ursula Fuss: In Deutschland ist Barrierefreiheit verpflichtend festgeschrieben; allerdings wird das Thema in der Praxis meist auf Produkte, Normen und Standards fokussiert. Ein aus meiner Sicht vollkommen falscher Ansatz. Per Gesetz Quoten festzuschreiben, die zum Beispiel in der Wohnungswirtschaft die Anzahl an barrierefreiem Wohnraum im Neubau regeln, geht am Kern des Problems vorbei. Abgesehen von dem Fakt, dass per Gesetz per se schon einmal 75 Prozent des sozialen Umfeldes nicht erreicht werden, werden die lediglich an die vorhandenen Grundrisse angepassten barrierefreien Einzelprodukte wie bodentiefe Dusche oder Haltegriffe an den Waschbecken von den Nutzern gar nicht angenommen, denn sie signalisieren Krankheit und Behinderung.


WIB: Wie sieht Ihr Lösungsansatz aus?

Ursula Fuss: Wir benötigen eine Änderung in der Logik und die Erschließung von Barrierefreiheit in der Architektur. Denn Barrierefreiheit gilt in unserer Fachrichtung noch immer als eine „Sonderform“. Es bedarf daher eines veränderten Bewusstseins von Architekten, Ingenieuren und der Industrie in die Richtung, dass Barrierefreiheit im Kontext von Umwelt betrachtet werden muss. Das bedeutet zu überlegen, wo denn genau die angebotenen Produkte eingesetzt werden, welchen konkreten Zweck sie erfüllen sollen und wie die Nutzer überhaupt den Weg zu ihnen finden. Beispiel Duschklappsitze: Sie sind in der Sitztiefe viel zu kurz konzipiert, zu hart im Material und ohne Lehne. Die Industrie hat zwar die berühmten Haltegriffe entwickelt; die aber sind kontraproduktiv, denn entweder halte ich mich fest oder ich dusche. Hilfreicher wäre es aus Anwendersicht, fest vorgesehene Sitze in einer Ecke der Dusche zu platzieren oder am Ende einer Badewanne einzumauern. Das Hauptproblem ist, dass bei der Produkt-Konzeption einfach zu wenig recherchiert und ausprobiert wird. Auch müssten die Bedürfnisse der Nutzer wesentlich kritischer hinterfragt und die Anwender in die Konzeption einbezogen werden. Nur so ist dieser Weg gemeinsam erfolgreich zu bewältigen.


WIB: Was können wir von anderen Ländern in Bezug auf Barrierefreiheit lernen?

Ursula Fuss: Offenheit und Mut zum Ausprobieren. Gerade die Schwellenländer gehen das Thema viel pragmatischer und konstruktiver an. Sie spielen mit Ideen, testen Funktionalitäten und projizieren andere Funktionen gleich mit darauf. Diese Funktionsüberlagerung ermöglicht eine Vielzahl an Nutzungsoptionen für einen Raum.


WIB: Frau Fuss, wir danken Ihnen für das Interview.


Bilder: Ursula Fuss