Vernetztes Wohnen

Exklusive Interviews

Dortmund,  17. Juli 2018


Interview Thomas Bredehorn | Fraunhofer IML | Homecare Logistik

Homecare-Logistik: „In Zukunft werden mehr Kooperationsmodelle und Wettbewerb entstehen.“

Marktwirtschaftlich betrachtet liegt der Fokus der Healthcare-Logistik auf der Krankenhausversorgung. Studien und Konzepte zur Logistik in der häuslichen Versorgung und in der Tages- und Kurzzeitpflege sind im deutschen Markt rar. Wirtschaftsbrief Gesundheit hat sich dieses Themas angenommen und ein Exklusiv-Interview mit dem stellvertretenden Abteilungsleiter „Health Care Logistics“ beim Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik“ (IML), Thomas Bredehorn, geführt.


Interview: Thordis Eckhardt


WIB: Wie sieht die Studienlage hinsichtlich der Logistik in der häuslichen Versorgung aus?

Thomas Bredehorn: Im Themenreport „Pflege 2030“ der Bertelsmann Stiftung wird aufgezeigt, dass eine „große Bereitschaft und Fähigkeit der privaten Netzwerke“ vorherrscht, „den überwiegenden Teil der Pflege in stabiler Weise über längere Zeiträume hinweg zu erbringen.“ Insgesamt seien Beratungs- und Unterstützungsangebote aber nicht umfassend genug und würden eher selten in Anspruch genommen.

Ein sehr gutes, aktuelles Beispiel für eine solche Pflegeeinrichtung sind die „Altengerechte Quartiere.nrw“. Zentral geht es darum, älteren, hilfe- und pflegebedürftigen sowie behinderten Menschen ein „selbstbestimmtes Leben in der vertrauten Umgebung auch bei Unterstützungs- oder Pflegebedürftigkeit“ möglich zu machen.

In der Forschung wiederum werden Themenfelder im Bereich „Versorgung vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung“ angegangen. Beispiele hierfür sind Vorhaben wie „Homecare Services“ und „HeLP“.


WIB: Wie sieht der deutsche Logistik-Markt für Pflegeeinrichtungen aktuell aus?

Thomas Bredehorn: In der Logistik, speziell im Bereich Versorgung älterer Menschen im urbanen Raum, spielen viele unterschiedlichste An- und Herausforderungen eine große Rolle. Dabei muss vor allem die ambulante Versorgung neue Herausforderungen bewältigen, wie Fachkräftemangel, demografischer Wandel und Multimorbiditätsveränderungen. Die Auslagerung sozialer und gesundheitlicher Versorgungsleistungen ist auch gerade deshalb so essentiell, da die durchschnittliche Verweildauer im Krankenhaus sinkt und die Spanne zwischen den Versorgungskapazitäten und dem Versorgungsbedarf immer größer wird.

So wird die Leistungsverlagerung von „stationärer“ zu „ambulanter Pflege mit häuslicher Nachbetreuung“ auch große Anteile der Güterströme in diesen Bereich umlenken.

Hierbei sind die „Bildung von Gesundheitsnetzen zwischen stationärer und ambulanter Patientenbehandlung und Patientenversorgung“ wichtig für neue Konzeptansätze. Dabei sollen „Krankenhäuser als Motor solcher Entwicklungen in Teilen die Mitversorgung der Kooperationspartner im Netzwerk übernehmen, Händlerstrukturen ablösen und erhebliche Kosteneinsparungen im System bewirken (Peter Klaus Winfried Krieger, Gabler Lexikon Logistik: S.189ff.).

So werden in Zukunft immer mehr Kooperationsmodelle und Wettbewerb zwischen Pflegediensten, Großhändlern, Apotheken, Sanitätshäusern und Logistikdienstleistern entstehen. Alle diese Leistungen müssen in Zukunft zu einem intelligenten und effizienten Versorgungskonzept verknüpft werden. Konkret gibt es kleine, nicht integrierte Insellösungen. Supermärkte haben einen Lieferservice, Apotheken liefern die Medikamente nach Hause, Friseure machen Hausbesuche. Es fehlt aber an umfassenden integrierten Logistikkonzepten, die eine anforderungsgerechte Versorgung von Menschen in ambulanter Pflege oder Pflegeeinrichtungen leisten.


WIB: Worin liegen die wichtigsten Herausforderungen bei der ambulanten Versorgung?

Thomas Bredehorn: In der Schaffung von anforderungsgerechten Logistikstrukturen. Neben den Pflegedienstleistungen sind die Menschen ja auch auf die Versorgung mit anderen Dienstleistungen und Produkten (Friseur, Lebensmittel, Catering,…) angewiesen. Die Versorgung mit Produkten durch klassische KEP-Dienstleister (Kurier, Express, Paket) ist hier nicht anforderungsgerecht in Bezug auf die Ansprüche der zu versorgenden älteren Menschen.

Es geht den KEP-Dienstleistern um möglichst viele Stopps pro Zeiteinheit. Eine Person, die nicht schnell genug zur Tür kommt, kann die für sie wichtige Lieferung nicht direkt annehmen. Zudem ist die Zustellung oft nicht „Frei Verwendungsstelle“, sondern die Übergabe findet „lediglich“ an der Haus- oder Wohnungstür statt.

Es müssen sich spezielle, anforderungsgerechte „Homecare-Dienstleistungen“ etablieren. Hier hapert es aber an der Finanzierung, da diese Dienstleistung aufwändiger ist; dieser Aufwand muss bezahlt werden. Es fehlen betriebswirtschaftliche Modelle.

In meinen Augen ist es die Hauptaufgabe, regionale Netzwerke von Anbietern untereinander zu gestalten, die sich einer koordinierten, effizienten aber auch einer anforderungsgerechten Logistik bedienen oder die die Logistik selber leisten. Dies geht einher mit einem entsprechend angepassten betriebswirtschaftlichen Geschäftsmodell, zur gerechten Verteilung der hierdurch entstehenden (Mehr-)Kosten.


WIB: Welche logistischen Potentiale sehen Sie für die Zukunft der pflegerischen Versorgung?

Thomas Bredehorn: Bei einer integrierten regionalen Logistik sehe ich auch immer die Chance, Lieferungen zu konsolidieren und somit die „letzte Meile“ effizienter zu gestalten. Nicht jeder Anbieter transportiert seine Waren mit seinen eigenen Fahrzeugen zum Empfänger, sondern die Sendungen werden intelligent zusammengefasst (Sendungsbündelung). Diese Grundidee würde insgesamt zu einer Verkehrsentlastung im ohnehin stark belasteten urbanen Raum führen.

Wenn diese Logistik dazu führt, dass die Empfänger – und hier meine ich die Menschen, die noch Zuhause leben – anforderungsgerechter beliefert und versorgt werden, können sie ggf. länger selbstbestimmt zu Hause leben und der Zeitpunkt für einen Übergang in eine stationäre Einrichtung wird nach hinten verschoben.


WIB: Herr Bredehorn, wir danken Ihnen für das Interview.