Spezial: eHealth

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Hamburg,  06. November 2016


Streit um den Apotheken-Versandhandel geht an der Realität vorbei

Globalisierung versus Nationalstaatlichkeit: Das Urteil um die Aufhebung der Arzneimittelpreisbindung für Versandapotheken im EU-Ausland ist gesprochen – und wird den deutschen Apothekenmarkt nachhaltig verändern.

Der Grund: Der europäische Gerichtshof sieht in der deutschen Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente eine Einschränkung des grenzüberschreitenden freien Warenverkehrs und einen Verstoß gegen EU-Recht. In der Konsequenz werde Anbietern aus anderen EU-Ländern der Zugang zum deutschen Markt erschwert, so die Richter.

Mit diesem Urteil ist der Weg frei für einen grenzüberschreitenden, marktwirtschaftlich freien Versandhandel. Aus ökonomischer Perspektive ein Gewinn für die deutschen Apotheken – und eine Gefahr. Gefahr vor steigendem Wettbewerb, Marktverlusten und Gewinneinbrüchen. Versorgungspolitisch gesehen kommt eine nationalstaatliche Perspektive hinzu: die angebliche Untergrabung der wohnortnahen Versorgung der Präsenzapotheken. Nach Ansicht von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Qualität und Sicherheit der Arzneimittelversorgung und einem flächendeckenden Netz wohnortnaher Apotheken. „Der Versandhandel kann die wohnortnahe Versorgung durch Präsenzapotheken nicht ersetzen. Bewährte Strukturen gilt es deshalb weiter zu erhalten. Hierzu gehört die inhabergeführte Apotheke.“ – Ein Plädoyer für den deutschen Markt inhabergeführter Apotheken.

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml geht in der Diskussion noch weiter: Sie fordert ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten – und brachte noch am vergangenen Freitag eine entsprechende Bundesratsinitiative in den Bundesrat ein. Huml: „Mein Ziel ist der Erhalt der flächendeckenden Arzneimittelversorgung in Bayern. Das ist im Interesse aller Patientinnen und Patienten. Die bewährte Arzneimittelversorgung durch die Apotheken vor Ort ist aktuell gefährdet. Deshalb ist ein Versandhandelsverbot unumgänglich.“

Während die Branchenverbände Deutscher Versandapotheken das Urteil begrüßen und mit Vorteilen einer Online-Arzneimittelversorgung speziell im ländlichen Raum argumentieren, bleibt ein Aspekt unberührt: Im medizinischen Notfall müssen die Medikamente schlichtweg vorrätig sein – ob online versandt oder in der Präsenzapotheke erworben.