Spezial: eHealth

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Braunschweig,  07. Dezember 2015


PLRI und Nibelungen-Wohnbau forschen an der smarten Wohnung "therapeutisch-diagnostischer Raum"

Kooperationsvertrag in Braunschweig für bewohnte Forschungswohnung mit wissenschaftlicher Auswertung unterzeichnet: Die städtische Nibelungen-Wohnbau-GmbH und das Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der Technischen Universität Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover (PLRI) haben ein gemeinsames Projekt zum Einsatz modernster Informationstechnologien in einer behindertengerecht eingerichteten Wohnung aufgesetzt. Die Forschungswohnung stellt eine Weiterentwicklung der bisherigen Demonstations­wohnung der Nibelungen-Wohnbau in der Hallestraße dar, in der seit 2012 mechanische Hilfen für ein selbständges Leben behinderter Menschen in der eigenen Wohnung ausgestellt und verbaut sind.

Rüdiger Warnke, Vorsitzender der Geschäftsführung der Wohnbaugesellschaft: „Wir stellen dem PLRI eine komplett und behindertengerecht eingerichtete Wohnung kostenfrei zur Verfügung und übernehmen dafür auch die Nebenkosten. Dafür erhalten wir aus erster Hand wichtige wissen­schaftliche Ergebnisse. Es geht um mehr als die Installation moderner Gebäudeleit­technik, die – obwohl noch recht teuer – im Fachhandel bereits erhältlich ist. Vielmehr ist es die Auswertung und die Nutzung von Daten, die einen Quantensprung für die künftige Wohnqualität bedeutet. Sie macht aus der Wohnung etwas völlig Neues - ähnlich wie sich das Mobiltelefon zum Smartphone gewandelt hat."

Professor Dr. Reinhold Haux, Geschäftsführender Direktor des PLRI, bezeichnet die Wohnung als „diagnostischen und therapeutischen Raum“, der aufgrund der von Sensoren gesammelten Daten automatisch reagiert, indem er den Gesundheitszustand des Bewohners analysieren und falls nötig sogar unaufgefordert Hilfsmaßnahmen einleiten kann. Dafür sollen Sensoren beispielsweise Daten über Bewegungsmuster, Raumtemperatur oder Luftfeuchtigkeit sammlen und und auswerten. Sie registrieren, wenn Fenster offen stehen oder der Fernseher benutzt wird. „Daraus lässt sich ein Assistenzsystem entwickeln, das in vielen Lebenslagen hilft, denn eine Abweichung vom üblichen Muster kann nach Erkenntnissen der Medizinischen Informatik – davon sind wir überzeugt und dies ist Gegenstand unserer Forschung – auf Krankheiten hinweisen, etwa auf Depressionen, eine Demenz oder auf asthmatische Beschwerden.“ Ein Beispiel: Der Herd ist an, die Küche verlassen und das Licht ist aus – diese Datenkonstellation könnte nach Haux ein Grund für einen Alarm sein. Auch wenn beispielsweise Sensoren melden, dass der Bewohner der Wohnung unruhig geschlafen und sich morgens nicht wie üblich geduscht hat, sei dies womöglich eine unaus­gesprochene und für einen Pflegedienst zugleich unüberhörbare Aufforderung für einen schnellen Einsatz. 

Neue Versorgungsnetze und Dienstleistungskonzepte
„Bei alleinstehenden Menschen wird die Datenanalyse die Möglichkeiten familiärer Fürsorge erheblich ausweiten“, sagt der Wissenschaftler. Darauf könne ein engmaschiges Versorgungsnetz aufgebaut werden, in das Angehörige, Pflegedienst, Hausarzt und Klinik eingebunden sind: Alle Beteiligten hätten dann ständig Einblick, wie es dem Bewohner der smarten Wohnung gerade geht und ob Hilfe erforderlich ist. Haux unterstreicht dabei die erforderlichen datenschutz­rechtlichen Voraus­setzungen: „Dieses vernetzte Modell erfordert unbedingt die Zustimmung des Wohnungsinhabers.“ Aus der Datenanalyse ließen sich aber auch neue Dienstleistungskonzepte entwickeln, "an die wir heute noch gar nicht denken.“

Die Forschungswohnung soll helfen, die richtigen Antworten auf bestimmte Verhaltensmuster zu finden, um den Komfort der Wohnung zu verbessern und älteren Menschen länger als bisher ein aktives, selbstständiges und selbst gestaltetes Leben in der eigenen, vertrauten Wohnung zu ermöglichen. Noch aber sei die Technik, die in dieser Wohnung installiert ist, für eine Mietwohnung zu teuer, dämpft Rüdiger Warnke allzu großen Optimismus auf eine umfassende technische Aufrüstung des Wohnungsbestandes. Angesichts des rasant voranschreitenden technischen Fortschritts sei die Einrichtungen von smarten Wohnungen allerdings nur eine Frage der Zeit. Deshalb seien Erfahrungen, die die Nibelungen-Wohnbau-GmbH mit diesem Forschungsprojekt zum Thema Bauen und Wohnen in der Zukunft sammelt, überaus wertvoll. Im Rahmen des Sozialmanagements hat sich die Nibelungen-Wohnbau schon seit langem der Frage gewidmet, wie Technik selbstständiges Leben unterstützen kann.

 

Bild: Nibelungen-Wohnbau-GmbH / Uwe Jungherr