Spezial: BGM

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Stuttgart,  03. November 2016


Prävention: "Körperliche Aktivität so wichtig wie ein Krebsmedikament"

Rund 70 Prozent aller behandelten Erkrankungen in den Industrienationen beruhen auf Lebensstilfaktoren, so das Ergebnis der „Nationale Verzehrstudie". Übergewicht beispielsweise sei auf falsche Ernährung und mangelnde Bewegung zurückzuführen. Ein gesunder Lebensstil sei ein wesentlicher Präventionsfaktor und müsse dringend gesundheitspolitisch verankert werden, fordert Dr. Christian Löser, Chefarzt der Medizinischen Klinik, Rotes Kreuz Krankenhaus Kassel, im Vorfeld der Medica Education Conference 2016.

Es gelte nicht nur medizinische, sondern auch gravierende soziale und wirtschaftliche Folgen abzuwenden. Die Studie belegt, dass heute nahezu 70 Prozent der deutschen Männer und über 50 Prozent der Frauen übergewichtig sind, also einen Body Mass Index (BMI) von 25 kg/m² und mehr aufweisen. Laut Daten des statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2010 liegt die durchschnittliche tägliche Gehstrecke des Bundesbürgers bei 400 Meter pro Tag. Die Folge von Fehlernährung und Bewegungsmangel: Immer mehr Menschen erkranken an Adipositas – und an damit verbundenen Stoffwechsel-, Herz-Kreislauf- und Krebsleiden. Als adipös gelten Menschen mit einem BMI von 30 kg/m² oder mehr.

Aktuelle Hochrechnungen der World Health Organization WHO gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2040 mehr als 50 Prozent aller Bundesbürger adipös sein werden. „Die Liste der primär lebensstilbedingten Volkserkrankungen führen weiterhin der Diabetes mellitus Typ 2 und die komplexen Folgen des metabolischen Syndroms wie Koronare Herzkrankheit und Schlaganfall an“, erklärt Löser. „Dann folgen aber bereits Karzinome wie Dickdarm-, Prostata- und Brustkrebs, die mit Lebensstilfaktoren wie Übergewicht assoziiert sind." 

Aufgrund der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse müsse davon ausgegangen werden, dass gut 70 Prozent aller auftretenden Dickdarmkarzinome durch eine ausgewogene gesunde Ernährung, wie sie beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, und einen aktiven körperlichen Lebensstil vermeidbar wären. Auch in der Tertiärprävention vieler Krebserkrankungen – also bei den Maßnahmen, die man bei einer bereits erfolgten Erkrankung ergreift, um Rezidive zu verhindern – spielt der Lebensstil eine wesentliche Rolle. So konnten große Beobachtungsstudien zeigen, dass beispielsweise das Wiederauftreten von Dickdarmkrebs und Brustkrebs durch ausreichend regelmäßige körperliche Aktivität deutlich reduziert werden könne.

„Damit ist körperliche Bewegung und Sport nach unseren heutigen Erkenntnissen so wichtig wie ein Krebsmedikament“, sagt Professor Löser. „Wir wissen heute, dass ein gesunder Lebensstil, der eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung beinhaltet, Krankheiten verhindern kann."

Diesen Erkenntnissen müssten dringend auch Konsequenzen folgen. „Unser Gesundheitssystem sollte Adipositas endlich als eigenständige, relevante Erkrankung anerkennen und nachhaltige konservative Therapie- und Präventionskonzepte etablieren“, so Löser weiter. Ein gesunder Lebensstil sei schon lange kein rein medizinisches oder gesundheitspolitisches Anliegen mehr, sondern habe gravierende ökonomische und soziologische Implikationen.