Spezial: AAL

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Dresden,  19. Dezember 2016


Wohnungswirtschaften entwickeln neuen Standard für lebenswertes Altern

Ein Gastbeitrag von: Vivian Jacob | Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften (VSWG)

Wohnungswirtschaftliche Akteure und deren Kooperationspartner beschäftigen sich intensiv mit neuen Wohn- und Versorgungsformen. Mit dem Ziel, die Herausforderungen des demografischen und sozialen Wandels - wie Altersarmut, Pflegepersonalverknappung, Infrastrukturdefizite in ländlichen Regionen oder Erodierung familialer und informeller Hilfestrukturen - mit entsprechenden Angeboten bewältigen zu können.

Schwerpunkt bildet dabei die Unterstützung des selbstbestimmten Wohnens und Lebens in städtischen und ländlichen Regionen durch bedarfsgerechte bauliche, soziale sowie unterstützende technische Dienstleistungen. Im Rahmen verschiedener Forschungsaktivitäten wurden technische Assistenzsysteme entwickelt und erprobt, die inzwischen praxistauglich und am Markt verfügbar sind und von Wohnungsunternehmen erfolgreich eingesetzt werden.


Positionspapier der Wohnungswirtschaft stellt neuen Denkansatz vor
Die Wohnungsakteure haben sich nun unter Initiierung des Verbandes Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e. V. (VSWG) deutschlandweit zusammengefunden und ein Positionspapier erarbeitet, welches einen neuen übergreifenden Denkansatz im Rahmen der digitalen Entwicklung unserer Gesellschaft forciert. „Die Ergebnisse zeigen, dass ein neuer Standard für lebenswertes Altern in eigener Häuslichkeit in der Bestandsmodernisierung sowie durch Nachrüstung mit AAL-Systemen möglich ist. Ziel ist dabei eine längere Verweildauer in den Wohnungen sowie damit einhergehend eine Entlastung der Sozialsysteme, was wiederum positive volkswirtschaftliche Aspekte mit sich bringt“, sagt Dr. Axel Viehweger, Vorstand des VSWG.

Auf diese Weise können beispielsweise die Sozialsysteme um ca. drei Milliarden Euro pro Jahr entlastet werden, wenn aufgrund des Wohnungsumbaus bei 15 Prozent der Menschen, die pflegebedürftig werden, eine Aufnahme in ein Heim vermieden bzw. die Verweildauer in der eigenen Wohnung verlängert werden kann. Die in die Wohnung zu integrierenden technischen Systeme schlagen Brücken in das soziale Umfeld, die bei Bedarf schnelle und unkomplizierte Hilfe von außen ermöglichen. Das reicht vom einfachen Informationsaustausch über die Anbindung von Hilfen für den Wohnalltag bis hin zur Bewältigung von Notfällen.

Grundlage eines solchen Standards bildet eine bautechnisch ertüchtigte und mit ausreichend Anschlussmöglichkeiten ausgestattete Wohnung. Dazu zählen Baumaßnahmen zur Reduktion von Barrieren wie Grundrissveränderungen, Türverbreiterungen, Schwellenlosigkeit und die Verlegung von Kabeln und Anschlüssen, beispielsweise Internet, Steckdosen, Busklemmen, für die Schaffung der technischen Voraussetzungen für weitere Ausbaustufen. Diese Grundausstattung beinhaltet ein Investitionsvolumen von durchschnittlich 2.500 Euro pro Wohnung in Abhängigkeit der Baustruktur und Größe der Wohnung.


Vielfalt in den technischen Lösungen bereithalten

Die technischen Lösungen können sowohl funk-, als auch kabelgebunden individuell und modular über dem Putz ausgestattet werden. Hier werden entsprechende Sensorik wie ein Multisensor pro Raum, Aktorik und eine wohnungsinterne Steuerungseinheit verbaut. Die Steuerung der Funktionen erfolgt nur automatisch über das System oder über eine Schalterbetätigung des Nutzers. Zu den Basis-Funktionalitäten zählen hierfür eine Alles-Aus-Funktion als zentrale Aus- und Ein-Stromabschaltung, eine Herdabschaltung, eine Wasserabschaltung bei Havarie, eine Rauchmeldung, eine Einbruchsmeldung und eine Notruffunktion. Die Installationskosten für dieses Basismodul belaufen sich auf durchschnittlich 1.500 Euro bis 2.500 Euro je Wohnung nach Anbieter und Erweiterungsmöglichkeiten des eingesetzten Systems.

Im Rahmen einer ersten und zweiten Ausbaustufe wird zur Visualisierung von Systemzuständen innerhalb der Wohnung Endgeräte ein Tablet, ein Smartphone, ein PC oder der Fernseher eingebunden. Diese grafische Nutzerschnittstelle ermöglicht erweiterte Kontroll- und Einstellmöglichkeiten für die wohnungsinterne Steuerung. So können in der ersten Ausbaustufe über das Endgerät die Tür geöffnet, die Temperaturen in den Räumen eingestellt, die Rollos bewegt, das Licht an- und ausgeschalten, das Klima überwacht und die Lüftung gesteuert werden.

In der zweiten Ausbaustufe werden die Voraussetzungen für die Integration externer Leistungsangebote wie Bestellung von Essen auf Rädern, der ÖPNV-Fahrplan oder die Bestellung in der Apotheke durch das Endgerät geschaffen. Hier ist eine technische Anbindung für nahezu aller vor Ort verfügbaren Dienstleistungs- und Unterstützungsangebote möglich. Dazu müssen aber auch technische und personelle Infrastrukturen bei den Dienstleistungsanbietern aufgebaut werden, damit eine reibungslose technisch unterstützte Dienstleistungskette gewährleistet werden kann.


Kosten der einzelnen Ausbaustufen liegen zwischen 900 und 1.500 Euro

Die Kosten für die erste und zweite Ausbaustufe sind je nach Endgerät, welches noch erworben werden muss, variabel und liegen schätzungsweise bei durchschnittlichen Installationskosten von 900 bis 1.500 Euro pro Wohnung. Für den Betrieb und die Servicepauschalen der Wartung muss eine Einzelfallbetrachtung erfolgen.

Bei der individuellen modularen Ausstattung entsteht somit ein zusätzliches Investitionsvolumen, welches eine Lastenteilung und Verantwortungsübernahme erfordert. Das heißt, dass die Finanzierung nur in partnerschaftlichen Strukturen bewältigt werden kann. Sind Funktionalitäten angebunden, die zur Gesundheit und Sicherheit eines Nutzers beitragen - beispielsweise Vitalmonitoring bei hohem Infarktrisiko, Erinnerungsfunktion für Medikamenteneinnahme, technische Überwachung von Energieversorgungseinrichtungen bei Demenz) - müssen Möglichkeiten einer Beteiligung an der Finanzierung durch das soziale Sicherungssystem geprüft werden. Dies sollte bereits auch im Grundmodul geprüft werden, beispielsweise hinsichtlich der Förderung von Rauchmeldern für Gehörlose. Werden jedoch Funktionalitäten zum Beispiel für jüngere Nutzer aufgeschaltet, die dem Komfort dienen (z. B. eine Raumüberwachung für Kleinkinder oder eine automatische Schaltung für die Beleuchtung), greift insbesondere die Privatfinanzierung durch den Nutzer.

Nachfolgend lässt sich die Beteiligung möglicher Finanzierungsträger in Abhängigkeit der Ausbaustufen wie folgt gewichten:

Die bisherigen validen Erfahrungen der deutschen Wohnungswirtschaft werden bestätigt durch die Erfahrungen der Mitgliedsländer der europäischen Union. Hier sind technische Assistenzsysteme schon in der Regelversorgung etabliert. Eine Übersicht bildet die Initiative der europäischen Union: die Europäische Innovationspartnerschaft Aktivität und Gesundheit im Alter. Sie zählt zu den wichtigsten Initiativen auf europäischer Ebene hinsichtlich der Bewältigung der mit der demografischen Entwicklung verbundenen Herausforderungen.

Im Rahmen der Strategie Europa 2020 hatte die Europäische Kommission die Einführung dieser Pilot-Innovationspartnerschaft im Bereich Aktivität und Gesundheit im Alter vorgeschlagen (European Innovation Partnership on Active and Healthy Ageing [EIP on AHA]), die der Europäische Rat am 4. Februar 2011 in dieser Form billigte.

Ziel der Innovationspartnerschaft ist es, bis zum Jahr 2020 den Bürgern ein längeres Leben in Unabhängigkeit und in guter Gesundheit zu ermöglichen: Die gesunden Lebensjahre sollen bis dahin um zwei Jahre erhöht werden. Dr. Axel Viehweger: „Beim Wohnen kumuliert vieles. Die Wohnung soll das Klima retten, Gesundheitsstandort sein, Pflegeheime ersetzen und dies bei möglichst sinkenden Mieten. Um diese komplexe Problematik zu lösen, ist eine stärkere Vernetzung der einzelnen politischen Ressorts nötig, um in einer ganzheitlichen Betrachtung einen Standard für lebenswertes Altern in eigener Häuslichkeit zu etablieren.“


Bild: VSWG