Geheimnisse im Interview

Geheimnisse im Interview

Hannover,  24. November 2016


Interview Heiner Pott | vdw Niedersachsen und Bremen | PSG III

Das Dritte Pflegestärkungsgesetz soll zum 1. Januar 2017 in Kraft treten. Es sieht eine Ausweitung der Rolle der Kommunen für die pflegerische Versorgung vor – und greift in die bestehenden Ver­sorgungsstrukturen und Wohnformen für körper­lich beeinträchtigte Menschen und Menschen mit dementiellen Erkrankungen ein. 

Wie sich diese politisch gewollten Verände­rungen auf die Geschäftsmodelle etablierter Betreiber und wohnungswirt­schaftlicher Anbieter in Nieder­sachsen auswirken, erfuhr Wirtschafts­brief Gesundheit im Gespräch mit Heiner Pott, Direk­tor des Verbandes der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Nieder­sachsen und Bremen e. V.

Das Interview führte Thordis Eckhardt.


WIB: Herr Pott, inwieweit tangiert das PSG III die Arbeit der Wohnungs­wirtschaft?

Pott: Die Wohnungswirtschaft hat unter anderem das Ziel, dass auch pflegebedürftige Menschen möglichst lange in ihrem gewohnten Umfeld wohnen bleiben können. Dies ermöglichen wir mit Maßnahmen zur Wohnraumanpassung - beispielsweise durch die Verbreiterung von Türen und den Umbau des Badezimmers können wir den Mietern ein möglichst barrierefreies oder barrierearmes Wohnen anbieten.

Zusätzlich werden immer wieder Konzepte für neue Wohnformen erprobt, die vor allem den Gedanken des nachbarschaftlichen Miteinanders und eine quartiersnahe Versorgungsstruktur unterstützen. Dabei arbeiten wir Hand in Hand mit den Wohlfahrtsverbänden. Mit einem umfänglichen Leistungsangebot möchten wir Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Mieter stärken, so dass eine Pflegebedürftigkeit hinausgezögert und mitunter sogar verhindert werden kann. Insofern berühren die Regelungen des PSG III auch die Wohnungswirtschaft.


WIB: Die Kommunen erhalten für die Dauer von fünf Jahren das Recht, die Einrich­tung von Pflegestützpunkten anzustoßen (Initiativrecht) mit dem Ziel, die Pflege-Beratung, -Planung und -Versorgung vor Ort in den Landkrei­sen, Städten und Gemeinden zu ver­bessern. Sind die Kommunen für diese Arbeit ausreichend qualifiziert?

Pott: Ich nehme an, dass Ihre Frage darauf abzielt, ob die Kommunen auch 20 Jahre nach Einführung der Pflegeversicherung noch in der Lage sind, eine gestaltende und koordinierende Rolle zur Verbesserung der Informations-, Beratungs- und Versorgungsstruktur zu übernehmen? Vor Einführung der Pflegeversicherung gehörte das ganz selbstverständlich zum kommunalen Aufgabenspektrum. Das zeigt, Kommunen können diese Aufgabe wahrnehmen, sie wissen um die tatsächlichen Bedarfe vor Ort und verfügen über genügend Möglichkeiten, Aussagen über die kommunalen Sozialräume zu treffen.

Notwendig erscheint es vor allem, sie auch über die gesetzlichen Regelungen – zum Beispiel über das PSG III – in die Lage zu versetzen, diese Aufgabe wahrzunehmen. Sicherlich werden die Kommunen dabei auch auf Akteure vor Ort angewiesen sein. Dazu zählt die Wohnungswirtschaft an vorderster Stelle.


WIB: An welchen Stellen können Ihrer Meinung nach Akteure der freien Wirtschaft, Wohlfahrtsorganisationen, Betreiber oder Eigentümer die Kommunen in deren neuen Aufgabe unterstützen und ihr eigenes Know-how einbringen?

Pott: Unsere Mitgliedsunternehmen haben Erfahrungen im barrierefreien und im barrierearmen Umbau von Wohnungen. Das PSG III ermöglicht uns, diese Aktivitäten auszuweiten und den Auf- und Ausbau von quartiersnahen Versorgungsstrukturen weiter anzutreiben. Zudem setzt die Wohnungswirtschaft sogenannte AAL-Projekte um, das sind technikgestützte Assistenzsysteme in Wohnungen und Häusern. Angebote für das Wohnen im Alter und neue Wohnformen ergänzen unsere Angebote. Künftig wird das Quartier eine immer stärkere Bedeutung erlangen. Auch in diesem Feld wird sich der vdw engagieren.

Umso unverständlicher ist es, dass das PSG III mit der Einrichtung von Landespflegeausschüssen und regionalen Ausschüssen zwar grundsätzlich auf eine integrierter Zusammenarbeit verschiedener Akteure abzielt. Aber in den zu bildenden Ausschüssen kommen viele relevante Akteure, wie die Wohnungswirtschaft, nicht zum Zug. Dabei können die Kommunen in ihrer neuen Rolle nur gemeinsam mit der Wohnungswirtschaft eine optimale Lösung finden.


WIB: Integriert in das Pflegestärkungsgesetz ist auch das neue Heim­recht. Es hebt die bislang strikte Trennung zwischen Immobilien-Eigen­tümer und dem Betreiber von Pfle­geeinrichtungen erstmals auf. Welche konkrete Chance bietet sich für hier für neue Ge­schäftsmodelle in der Wohnungs- und in der Pflegewirtschaft bzw. für neue Dienstleister?

Pott:  Durch die Neuregelung kann die Wohnungswirtschaft ihre bestehenden Modelle zum Thema Wohnen, Pflege und quartiersnahe Versorgung weiter ausbauen und verbessern und gleichzeitig neue Kooperationsmodelle erproben. Wir haben das Ziel, ein an den Bedürfnissen unserer Mieter orientiertes Wohnen zu ermöglichen und sind nun in den Modellen, die wir dafür entwickeln können, deutlich flexibler geworden.


WIB: Ziel des PSG III  ist es, pflegebedürftigen Menschen ein selbstbe­stim­mtes Leben in der häuslichen Umgebung zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund können Kommunen künftig verpflichtende Beratungen in der eigenen Häuslichkeit bei Empfängern von Pfle­ge­geld durchführen, oder Beratungsgutscheine der Versicherten für eine Pflegeberatung einlösen.

WIB: Herr Pott, wo sieht der vdw seine Rolle in der Pflege?

Pott: Hier wird im Einzelfall zu prüfen sein, ob ein Verbund mit Pflegeanbietern möglich ist – ähnlich einem Verbund von stationären Einrichtungen, um eine umfängliche Versorgung im Quartier anbieten zu können.


WIB: Im Gesetzentwurf sind Modellprojekte zur Erprobung neuer Beratungsstrukturen vorgesehen. Inwieweit können und wollen sich Wohnungs- und Pflegewirtschaft hier einbringen?

Pott: Die Kommune wird bei der Umsetzung der Aufgaben nach PSG III auf die Mitarbeit der Akteure vor Ort angewiesen sein. Die Wohnungswirtschaft kann mit ihrer Erfahrung etwa im Bereich Wohnen im Alter zum Gelingen der Modellprojekte beitragen. Wir müssen aber zunächst abwarten, welche und wieviele Kommunen sich an den im Gesetzentwurf beschriebenen Modellprojekten beteiligen werden.  


WIB: Herr Pott, wir danken Ihnen für das ausführliche Gespräch.  


Bild: Heiner Pott (rechts) | @ vdw Niedersachsen Bremen