Geheimnisse im Interview

Geheimnisse im Interview

Hannover,  24. November 2016


Interview Thomas Mähnert | Mitglied LV Johanniter-Unfall-Hilfe e.V | PSG III

Das Dritte Pflegestärkungsgesetz soll zum 1. Januar 2017 in Kraft treten. Es sieht eine Ausweitung der Rolle der Kommunen für die pflegerische Versorgung vor – und greift in die bestehenden Ver­sorgungsstrukturen und Wohnformen für körper­lich beeinträchtigte Menschen und Menschen mit dementiellen Erkrankungen ein. 

Wie sich diese politisch gewollten Verände­rungen auf die Geschäftsmodelle etablierter Betreiber und wohnungswirt­schaftlicher Anbieter in Nieder­sachsen auswirken, erfuhr Wirtschafts­brief Gesundheit im Gespräch mit Thomas Mähnert, Mitglied im Landes­vor­stand Johan­niter-Unfall-Hilfe e.V., Landesverband Niedersachsen/Bremen.

Das Interview führte Thordis Eckhardt.  


WIB: Herr Mähnert, dem PSG III sind zwei weitere Novel­lie­run­gen vorange­gan­gen – sie werden als die „größte Pflegereform aller Zeiten“ gepriesen. Wie groß ist das Innovationspotential des PSG III tatsächlich?

Mähnert: Tatsächlich liegt das PSG III erst als Entwurf vor, wie es dann nach dem Gesetzgebungsverfahren letztendlich aussieht, kann man noch nicht abschließend sagen und bleibt abzuwarten. Es wird aber wohl noch einige Zeit brauchen bis das PSG III auf den Weg gebracht wird, da im Moment noch intensiver über die Schnittstelle zur Eingliederungshilfe diskutiert wird.

Was sich aber schon sehr klar herauskristallisiert, ist, dass die Kommunen mit dem PSG III wieder mehr Verantwortung im Fachbereich Pflege mit dem Schwerpunkt Beratung übernehmen sollen.

Das PSG III schafft für Kommunen die Möglichkeit, sich an Maßnahmen zum Auf- und Ausbau der Angebote zur Unterstützung im Alltag auch in Form von Personal- oder Sachmitteln einzubringen.


WIB: Die Kommunen erhalten für die Dauer von fünf Jahren das Recht, die Einrich­tung von Pflegestützpunkten anzustoßen (Initiativrecht) mit dem Ziel, die Pflege-Beratung, -Planung und -Versorgung vor Ort in den Landkrei­sen, Städten und Gemeinden zu ver­bessern. Sind die Kommunen für diese Arbeit ausreichend qualifiziert?  

Mähnert: Dies sieht wahrscheinlich sehr unterschiedlich in den einzelnen Kommunen aus. Ich wage aber zu bezweifeln, dass die meisten Kommunen hier schon genügend Strukturen mit entsprechend ausgebildetem Personal in Vorhaltung oder in Vorbereitung haben. Das bedeutet, dass hier neue Strukturen geschaffen werden müssen. Hier könnten die Wohlfahrtsverbände, wie die Johanniter, als Partner der Kommunen fungieren und mit Fachwissen und Personal unterstützen.


WIB: An welchen Stellen können Ihrer Meinung nach Akteure der freien Wirtschaft, Wohlfahrtsorganisationen, Betreiber oder Eigentümer die Kommunen in deren neuen Aufgabe unterstützen und ihr eigenes Know-how einbringen?

Mähnert: Ein sehr interessanter Schnittpunkt könnten hier gemeinsame Quartiersprojekte sein. Beispielsweise arbeiten wir an mehreren Standorten in Niedersachsen erfolgreich mit Kommunen und der Wohnungswirtschaft in Quartiersmanagementprojekten zusammen. Eine Anbindung von kommunalen Pflegestützpunkten an vorhandene Quartiersprojekte wäre eine ideale Ergänzung und würde Synergieeffekte nutzen, damit die Beratungs- und Versorgungssituation von Hilfe- und Pflegebedürftigen weiter verbessert werden kann. Es ist auch vorstellbar, in den Wohnquartieren als freier Wohlfahrtsträger die Beratung für die Kommunen zu übernehmen oder die Pflegestützpunkte gemeinsam mit den Kommunen zu betreiben.

Dazu könnten auch neue Quartiersprojekte mit integriertem Pflegestützpunkt gemeinsam von Kommunen, Wohnungsunternehmen und den Johannitern initiiert werden. Wenn hier die Ressourcen gebündelt werden, können interessante Win-Win-Situationen entstehen. Es gibt beispielsweise umfangreiche Anschubfinanzierungen für Quartiersprojekte aus Lotteriemitteln, die die Wohlfahrtsverbände in diese Projekte einbringen können.


WIB: Integriert in das Pflegestärkungsgesetz ist auch das neue Heim­recht. Es hebt die bislang strikte Trennung zwischen Immobilien-Eigen­tümer und dem Betreiber von Pfle­geeinrichtungen erstmals auf. Welche konkrete Chance bietet sich für hier für neue Ge­schäftsmodelle in der Wohnungs- und in der Pflegewirtschaft bzw. für neue Dienstleister?

Mähnert: Das neue Heimrecht lässt jetzt eine Kooperation mit verschiedenen Anbietern der Wohnungswirtschaft zu. Hier ist es nun möglich, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und für bestimmte Zielgruppen barrierefreies Wohnen, Wohngemeinschaften und vieles mehr zu planen. Es ist eine große Chance, unsere gemeinsamen Erfahrungen, beispielsweise im Bereich Wohnen für ältere Menschen, auszutauschen und daraus neue gemeinsame Projekte hervorzubringen. Auch hier können die Johanniter ihre Erfahrungen der letzten Jahre einbringen. Als einer von wenigen Wohlfahrtsverbänden versorgen wir bereits seit dem Jahr 2009 selbstbestimmte Pflegewohngemeinschaften an inzwischen fünf Standorten in Niedersachsen.


WIB: Ziel des PSG III  ist es, pflegebedürftigen Menschen ein selbstbe­stim­mtes Leben in der häuslichen Umgebung zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund können Kommunen künftig verpflichtende Beratungen in der eigenen Häuslichkeit bei Empfängern von Pfle­ge­geld durchführen, oder Beratungsgutscheine der Versicherten für eine Pflegeberatung einlösen.

Herr Mähnert, wie sieht die Quantität solcher Stellen für Pflegeberatung in Niedersachsen aus?

Mähnert: In Ballungsgebieten mit Pflegestützpunkten ist sicherlich eine dichteres Beratungsangebot möglich. In ländlichen Strukturen kann dies ganz anders aussehen. Viel Pflegeberatung wird ja heute schon von Pflegediensten übernommen, da diese häufig das Vertrauen der Bürger genießen. Es scheint durchaus vorstellbar, dass Sozialstationen und Pflegedienste hier tiefer einsteigen, und die Beratungsgutscheine dann in entsprechenden Diensten einlösbar werden. Teilweise gibt es schon entsprechendes Personal in manchen Diensten oder kann qualifiziert werden zur Beratungsfachkraft.


WIB: Im Gesetzentwurf sind Modellprojekte zur Erprobung neuer Beratungsstrukturen vorgesehen. Inwieweit können und wollen sich Wohnungs- und Pflegewirtschaft hier einbringen?

Mähnert: Als Johanniter, mit dem Geschäftsfeld Pflegewirtschaft, können wir uns sehr gut vorstellen, gemeinsam mit der Wohnungswirtschaft hier einzusteigen, um Beratungsstrukturen auszubauen und zu intensivieren.


WIB: Herr Mähnert, Herr Pott, wir danken Ihnen für das ausführliche Gespräch.  


Bild: @ Johanniter