Geheimnisse im Interview

Geheimnisse im Interview

Murten / Schweiz,  12. Dezember 2016


Interview Tom Guthknecht | Lausanne Health and Hospitality Group | Krankenhausbau

Effizienter Krankenhausbau, moderne Innenarchitektur und digitalisierte Prozesse – mit der Bewältigung dieser Herausforderungen tun sich Planer und Architekten in Europa aktuell schwer. Wirtschaftsbrief Gesundheit (WIB) sprach mit dem Krankenhausplaner Dr. Tom Guthknecht, Vorstand der Lausanne Health and Hospitality Group (LHtwo), Murten, Schweiz, über konkrete Problematiken, den Status Quo in Österreich und in der Schweiz und über Wege, die aus dem Dilemma herausführen.

Das Interview führte: Thordis Eckhardt.


WIB: Herr Guthknecht, Sie sind Krankenhausplaner und plädieren für mehr Flexibilität, Nachhaltigkeit und Vernetzung in Kliniken. Wie sieht die vernetzte Realität in den Spitälern in der Schweiz aus?

Dr. Guthknecht: Die Realität in Krankenhäusern und Planungsprojekten von Gesundheitsbauten sieht aktuell nicht gut aus. Dies ist unter anderem bedingt durch die heterogene Struktur der Entscheidungsprozesse und den Mangel, das Wissen in Projektplanung, Projektmanagement und Realisierung zu pflegen. In einem interdisziplinären Forschungsprojekt der ZHAW Zürich, HSG St. Gallen, ETH Zürich zusammen mit Wirtschaftspartnern aus Finanz- Bau- und Spitalbereichen haben wir beispielsweise in den Jahren 2014 bis 2015 versucht, Optionen für die Verbesserung der Planungs- und Realisierungsprozesse von Gesundheitsbauten vorzuschlagen.

Die oft unklaren und intransparenten Projektsituationen sind auch darauf zurückzuführen, dass zu wenig Kraft in die Entwicklung von standardisierten Planungs- und Entscheidungsprozesse fliesst. Auf der Strecke bleiben dann oft Flexibilität und langfristige Nutzbarkeit der teuren Spitalimmobilien.


WIB: Der Begriff „Smart“ wird aktuell im Business inflationär verwendet und als Attribut nahezu jedem Geschäftsmodell und jeder Immobilie vorangestellt: Smart Home, Smart Metering, Smart Cities, Smart Care. Welche Rolle spielt „smart“ im Krankenhaus und in der Krankenhausplanung?

Dr. Guthknecht: Der Begriff "smart" wird heute vorwiegend verknüpft mit technischen Optionen zur verbesserten Verbindung und Verknüpfung von einzelnen Prozessen und Abwicklungen. Bedauerlicherweise bewegt sich die "smart"-Diskussion häufig auf hoch spezifizierten Detail-Levels, ohne die strategischen Grundannahmen einzubeziehen oder in Frage zu stellen.

Ich bin der Auffassung, dass der Begriff "smart" neu definiert werden sollte: "Smart = schlau" ist zunächst nicht einfach nur technisch beeindruckend und damit aufwendig."Smart = schlau" sollte zeigen, wie man mit weniger Ressourcen zu besseren Lösungen kommt und wie diese "smarten = eleganten" Lösungen - nachdem sie verschlankt sind - am besten mit modernen, technischen Hilfsmitteln unterstützt werden können. "Smart" ist deshalb nicht gleich Technik oder gleich Fortschritt sondern "smart" sollte "elegant im Sinne von effizient" bedeuten und dies vor dem Hintergrund einer Vollkostenrechnung oder eines ökologischen Footprint der angestrebten Lösungen.


WIB: Inwieweit gibt es inhaltliche Überschneidungen zwischen Green Hospitals, Blue Hospitals und dem Smart Hospital - falls letzterer Begriff überhaupt existiert…

Dr. Guthknecht: Die Abgrenzungen zwischen diesen Bereichen sind in erster Linie semantisch und leider weniger inhaltlich geprägt. Die Begriffe "Green Hospitals", "Blue Hospitals" oder "Smart Hospitals" sind eben auch Marketing-Begriffe, mit denen die Marktteilnehmer sich von anderen zu unterscheiden suchen. Leider bleibt es bei der Verwendung dieser Begriffe aber oft bei einer plakativen Verwendung ohne Inhalt.
Es wäre daher wichtig, zunächst die substantiellen Inhalte und Ziele zu definieren, bevor wieder neue Marketing-Begriffe mit wenig Auswirkungen auf echte Verbesserungen verwendet werden.

WIB: Inwiefern garantieren mehr Technik, Technologie und Vernetzung im Krankenhaus mehr Lebens- und Wohlfühl-Qualität für Patienten und Mitarbeiter?

Dr. Guthknecht: Technik und Technologie garantieren zunächst einmal gar nichts. Technik und Technologie sind "enabler" also lediglich "Ermöglicher" einer verbesserten Arbeits- und Heilungswelt im Krankenhaus.

Es ist ein bedenklicher Punkt in der aktuellen Diskussion, dass schon die pure Erwähnung von Technik mit Verbesserung und Fortschritt gleichgesetzt wird. Technik und neue Technologien werden benötigt, ja, sie sind unverzichtbar. Der Einsatz von Technik entbindet uns jedoch nicht von der Verantwortung des Nachdenkens, Abwägens und des Entscheidens, wo und wie der Einsatz von Technik eine empathische, heilungsfördernde Behandlung und Pflege unterstützen kann.


WIB: Prinzip „Re-Design“: Auf welche baulichen, technologischen und Gestaltungs-Innovationen der Vergangenheit können Krankenhausplaner von Heute zurückgreifen, um daraus für die Anforderungen von Heute zu lernen?

Dr. Guthknecht: Wir planen heute so, als würden wir die Ziele unserer Krankenhausprojekte genau kennen. Dabei sollte uns erschrecken, dass 60 Prozent der Flächen innerhalb eines neuen Funktionsbaus innerhalb der ersten zehn Jahre nach Neueröffnung verändert, umgeplant oder umgenutzt werden. Dies führt dazu, dass Planer und Entscheider spezifische Einzellösungen, die die aktuellen Bedürfnisse widerspiegeln, als "den richtigen Weg" propagieren. Dies ist ein grosses Problem denn: In einem Satz: "Massgeschneiderte Lösungen sind Zukunftsverbrechen!"

Wenn wir von der Vergangenheit lernen wollen, sollten wir uns an Filrete mit seinem 'Ospedale maggiore di Milano' halten: Im jahr 1456 erbaut, funktionierte dieses Gebäude 500 Jahre lang als Krankenhaus. Heutige Stellungnahmen, dass beispielsweise ein 30-jähriges Krankenhaus abgerissen werden muss, weil es nicht mehr funktional sei deuten doch nur darauf hin, dass offenbar Planungs- und Realisierungsprozesse nicht wirklich langfristig ausgerichtet sind.

WIB: Herr Guthknecht: Sie machen sich stark für die Anpassung von Pflegeabteilungen in der Klinikimmobilie der nächsten Generation. Welche Rolle genau spielen dabei Digitalisierung, Vernetzung, Industrie 4.0, Design, Logistik und Kommunikation?

Dr. Guthknecht: Digitalisierung, Industrie 4.0 etc. spielen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung von zukünftigen Gesundheitsimmobilien. Es wäre ein schwerwiegender Fehler, diese Bereiche bei der Planung und Realisierung nicht angemessen zu berücksichtigen. Dies insbesondere auch deswegen, weil die Krankenhauswelt ja bereits deutlich hinter anderen Industriebereichen - was die Integration von vernetzten IT-Strukturen angeht - hinterherhinkt.

Eine eilige und nicht genügend durchdachte Technologisierung führt jedoch genauso in die Irre. Gesundheitsprojekte heute sind oft - so wie viele andere komplexe Grossprojekte auch - geprägt davon, dass einzelne Aspekte mit ihren punktuellen Verbesserungen euphorisch begrüsst werden, die Wechselwirkungen und mögliche nachteilige Quereffekte jedoch nicht ausreichend oder oft überhaupt nicht durchdacht und geprüft werden.

Bevor wir also entscheiden, welche technischen Entwicklungen das Krankenhaus der Zukunft unterstützen können, muss das Planungs- und Realisierungsverfahren derart verbessert werden, dass nicht nur der unmittelbare Nutzen von Technologien in einzelnen Prozessen, sondern auch deren Wechselwirkungen, Schnittstellen und Massnahmen intensiver durchdacht und geprüft werden.


WIB: Dr. Guthknecht, wird danken Ihnen für das Interview.


Bild: Dr. Tom Guthknecht | @ Lausanne Health and Hospitality Group
Bild Krankenhaus: @ Fotolia | esebene