Geheimnisse im Interview

Geheimnisse im Interview

Braunschweig,  04. November 2014


Interview: Dr. Najeeb Al-Shorbaji | WHO | eHealth und mHealth

Die digitale Kommunikation via Internet und Mobiltelefon wird zum Standard in der weltweiten medizinischen Versorgung. Vision oder Realität?


Wirtschaftsbrief Gesundheit (WIB) traf den Direktor der WHO, Dr. Al-Shorbaji, auf der Fachtagung „Kooperation in der digitalen Gesellschaft“ der tubs.CITY – Centrum für Informatik und Informationstechnik an der TU Braunschweig und sprach mit ihm über Bedeutung, Einsatz und Zukunft digitaler Technologien in der Medizin – und im Kampf gegen Epidemien wie Ebola.

WIB: Dr. Al-Shorbaji, Sie sind seit 2008 Direktor Wissensmanagement, Ethik und Forschung bei der WHO. Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die weltweite Gesundheitsversorgung?
Dr. Najeeb Al-Shorbaji: Digitalisierung ermöglicht eine globale Vernetzung von medizinischer Versorgung, Wissen, Bildung und Kommunikation – über Ländergrenzen hinweg, zwischen nationalen medizinischen Einrichtungen und unterschiedlichen Gesundheitssystemen weltweit. Die digitale Kommunikation ist die Schnittstelle für den Informations- und Datentransfer in der Forschung, Entwicklung und Anwendung von Medizin und Gesundheit. Sie bildet eine wesentliche Grundlage für internationale Zusammenarbeit in der Gesundheitsversorgung und bei der Bekämpfung und Heilung von Krankheiten, Seuchen oder Epidemien. Speziell in Fällen wie Ebola ist es notwendig und dringlich, auf das gesammelte, verfügbare Wissen weltweit und auf neu erworbene Erkenntnisse zur Behandlung und Heilung von Krankheiten zugreifen zu können. Eine bedeutsame Rolle nimmt hierbei das Internet ein: Die digitale Kommunikation erlaubt einen schnelleren, weltweiten Informations- und Kommunikationsfluss; sie verbreitet Wissen innerhalb kürzester Zeit an viele Menschen.

WIB: Welche IT- und Kommunikations-Technologien werden sich Ihrer Meinung nach weltweit in der medizinischen Versorgung durchsetzen?
Dr. Najeeb Al-Shorbaji: Zwei Informationstechnologien sind aus meiner Sicht bedeutsam: das Internet und das Mobiltelefon. Das Internet wird zum bedeutsamsten Medium für die Bildung und Ausbildung von Medizinern, Patienten und der Öffentlichkeit. Es ist ein wichtiger Informationsträger in der Vermittlung von Gesundheitswissen in Bezug auf medizinische Versorgung, Kranken- und Gesundheitspflege und Volksgesundheit. Es wird sich zur wichtigsten Wissensdatenbank für die medizinische, pflegerische und Gesundheitsbildung entwickeln. Eine ähnliche Aufgabe übernimmt auch das Mobiltelefon; in vielen Ländern der Erde stellt es die Verbindung zur Außenwelt dar – noch vor dem Internet. Mittels mobiler Technologien (mHealth) kann beispielsweise ein medizinischer Support in der Krankenversorgung erfolgen oder medizinisches Wissen vermittelt werden – genau wie über das Medium Internet. Schon heute finden mHealth- und eHealth-Technologien in der Gesundheitsversorgung Einsatz, Stichwort Telemedizin oder Patienten-Monitoring-Systeme. Die Verbreitung dieser Technologien und Anwendungen wird zunehmen.

WIB: Worin sehen Sie die Hürden einer schnellen Verbreitung von mHealth- und eHealth-Technologien weltweit? Was konkret unternimmt die WHO, um diese Technologien flächendeckend in den Markt zu bringen?

Dr. Najeeb Al-Shorbaji: Die WHO verfügt über viele Möglichkeiten und Maßnahmen, die eingesetzt und angewandt werden. Wir unterstützen zum Beispiel Mitgliedsstaaten in der Entwicklung und Anwendung von nationalen Standards für Gesundheitsinformationen, und wir fördern intensiv und nachhaltig die Ausbildung des Personals in Gesundheitsberufen. Ferner forcieren wir die Etablierung von nationalen Zentren und Exzellenz-Netzwerken für eHealth und die Integration mobiler Technologien in die nationalen Gesundheitssysteme und Dienstleistungen. 85 Länder haben bislang zusammen mit uns nationale eHealth-Pläne erarbeitet – und wir investieren weiter in die Entwicklung von Tools, Systemen und Guidelines. Speziellen Handlungsbedarf sehen wir noch in der Überzeugungsarbeit bei den Anwendern dieser modernen Technologien – bei Medizinern, Krankenschwestern und Pflegekräften. Wir haben festgestellt, dass diese von der Effizienz bisheriger eHealth- und mHealth-Lösungen noch nicht überzeugt sind und sie selten einsetzen. Hier gilt es, vermehrt Wissen zu vermitteln und Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn Technik ist nichts Natives, es muss erlernt und angewandt werden. Auch muss genauer untersucht werden, welche Technologien und Anwendungen für das Business der Mediziner tatsächlich hilfreich sind, welche die Arbeit vereinfachen und das Personal entlasten. Ingenieure können alles bauen, sie müssen nur wissen: was.

WIB: Das scheint ein weiter Weg zu sein. Reichen die Ressourcen?

Dr. Najeeb Al-Shorbaji: Wir arbeiten ja nicht allein (lacht). Um die Digitalisierung und die neuen Technologien voranzutreiben und in die Anwendung zu bringen, arbeiten wir mit vielen Partnern zusammen: mit privaten Organisationen und NGOs, mit Unternehmen, Verwaltungen und der Politik. Wir schaffen Schnittstellen, unterstützen mit administrativem, technischem und mit Bildungs-Know-how und vernetzen Akteure und Entscheidungsträger im Gesundheitssektor weltweit. In begrenztem Umfang bieten wir auch monetäre Unterstützung.

Wirtschaftsbrief Gesundheit: Dr. Al-Shorbaji, wir danken für das Gespräch.

 

Porträtbild: WIPO | Bild: Thordis Eckhardt