Geheimnisse im Interview

Geheimnisse im Interview

Braunschweig,  14. April 2015


Interview Dr. Frank Bergmann | BVDN | Strukturierte Versorgung für Demenzkranke

Die ambulante Versorgung und medizinische Betreuung von an Demenz erkrankten Menschen wird in der Zukunft zur Herausforderung für das deutsche Gesundheitssystem.

Wirtschaftsbrief Gesundheit
sprach mit dem Vorsitzenden des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN), Dr. med. Frank Bergmann, über strukturierte Versorgungsnetze im Allgemeinen und in der Gerontopsychiatrie im Besonderen.

Das Interview führte Thordis Eckhardt.


WIB: Dr. Bergmann, der BVDN fordert eine strukturierte, regionale Versorgung für Demenzkranke. Aus welchem Grund?


Dr. Bergmann: Die ambulante medizinische Versorgung von Patienten mit Demenzerkrankungen durch Haus- und Fachärzte wird in den nächsten Jahrzehnten immer wichtiger werden. In Deutschland leiden mehr als 1,4 Millionen Menschen an einer Demenz. Schätzungen zufolge soll die Zahl der Patienten mit Demenz bis zum Jahr 2050 auf etwa drei Millionen steigen. Hier sind Unterversorgung und Fehlversorgung keine Schlagworte, sondern traurige Realität. Ich nenne drei Aspekte, welche die besondere Bedeutung von strukturierten Versorgungsnetzen auch und besonders in der Gerontopsychiatrie deutlich machen:

1. Bei der frühen Demenzdiagnostik
sollte die koordinierte Zusammenarbeit mit dem Hausarzt im Vordergrund stehen. Im Rahmen einer frühen fachärztlichen Abklärung können Psychiater, Nervenärzte oder Neurologen dann behandelbare Ursachen ausschließen und eine stadiengerechte Therapie der Demenz einleiten. Im Augenblick wird laut einer Studie des IGES-Instituts Berlin nur rund die Hälfte der Patienten mit einer Demenz von einem Facharzt diagnostiziert oder betreut. Viele demente Patienten werden gar nicht oder viel zu spät behandelt. Auch die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung von Patienten mit Depressionen im Alter ist meist unzureichend.

2. Patienten mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) sind oft nicht in der Lage, selbst Termine mit einem Facharzt oder Psychotherapeuten zu vereinbaren und einzuhalten. Hier könnte ein koordinierter klinischer Behandlungspfad unter Einbeziehung der Hausärzte, Fachärzte und Gerontopsychiater, aber auch von Pflege- und Sozialdiensten, Abhilfe schaffen.

3. Auch in der Behandlung von demenzassoziierten Verhaltensstörungen ist eine Zusammenarbeit von Psychiatern oder Nervenärzten mit Hausärzten und Pflegediensten sowie Neurologen nötig, gerade auch im Bereich der Heimversorgung. Eine koordinierte haus- und fachärztliche Heimversorgung reduziert beispielsweise stationäre Aufenthalte auch dadurch, dass solcherart betreute Patienten eine sinnvolle medikamentöse Therapie erhalten. Die unkoordinierte Behandlung mit zu vielen Medikamenten führt nämlich häufig zu Nebenwirkungen auch im Zentralnervensystem. Müdigkeit, Verschlechterung kognitiver Funktionen oder auch erhöhte Sturzgefahr können die Folge sein.
Nicht wenige Bewohner von Pflegeheimen leiden an psychischen Erkrankungen wie Demenz oder Depression. Oft gibt es aber zu wenige Kollegen im Umfeld, um alle Heime ausreichend zu versorgen. Diese Patienten haben aber oft nicht mehr die Möglichkeit, sich selbst einen Behandler zu suchen und sind auf aufsuchende Fachärzte angewiesen. Ein umfassendes regionales Versorgungsnetz, dem auch Pflegeheime angehören, kann die Versorgung der Patienten besser gewährleisten. Darüber hinaus können im Netz auch Beratungsangebote zu Themen wie Betreuungsrecht, Behandlungs- oder Vorsorgevollmacht koordiniert und vermittelt werden, sowie fachärztliche Beratung, gegebenenfalls unter Einbeziehung einer spezifischen Testdiagnostik, zu der heiklen und gerade auch von Angehörigen oft zu Recht gestellten Frage der Fahreignung. 


WIB: Welchen konkreten Beitrag leistet der BVDN zur Entwicklung und Etablierung solcher Versorgungsstrukturen?


Dr. Bergmann: Der BVDN setzt sich auf politischer Ebene und auf der Ebene der Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen für eine bessere regionale Vernetzung der Leistungserbringer ein. Die Versorgung von neurologischen und psychiatrischen Patienten soll ein Konzept verbessern, das die Vertragswerkstatt der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gemeinsam mit den Berufsverbänden für Neurologie, Nervenheilkunde und Psychiatrie sowie mitpsychotherapeutischen Verbänden erstellt hat.


WIB: Was beinhaltet dieses Vertragsmodell im Detail?

Dr. Bergmann: Wir brauchen unter anderem eine bessere Vernetzung der bestehenden Angebote, aber auch zeitnahe Termine in der Akutversorgung. Durch eine verbesserte Zusammenarbeit von Hausärzten, Fachärzten und Psychotherapeuten wollen wir Wartezeiten auf Behandlungstermine und Therapieplätze verringern, stationäre Einweisungen vermeiden, Arbeitsunfähigkeitszeiten reduzieren und einer Chronifizierung vorbeugen. Das sind hoch gesteckte Ziele, die wir nur dann erreichen können, wenn wir Versorgungsaufträge besser beschreiben und zum Beispiel ganz klar definieren, welcher Leistungserbringer die Behandlung koordiniert und wer die Behandlung konsiliarisch im Einzelfall unterstützt.

Wichtig ist außerdem, Kriterien für notwendige Akutinterventionen festzuschreiben, so genannte „red flags“, die zum Beispiel dazu führen, dass Patienten in die Klinik kommen. Eine transparente Aufgabenverteilung sowie eine strukturierte zeitnahe wechselseitige Kommunikation sind erforderlich, ferner Maßnahmen der Qualitätssicherung. Die Ärzte und Psychotherapeuten, die an der Vereinbarung teilnehmen, müssen eine fächerübergreifende Kooperation gewährleisten. Wenn beispielsweise eine konsiliarische Vorstellung bei einem Neurologen, Psychiater oder Psychotherapeuten notwendig ist, erfolgt diese innerhalb eines noch festzulegenden Zeitraums. Das Recht auf freie Arztwahl bleibt unberührt. Der koordinierende Arzt oder Psychotherapeut ist zentraler Ansprechpartner für den Patienten und seine Angehörigen. Qualitätszirkel dienen der Verfestigung der Kooperation. An der Versorgung nach dem neuen Rahmenkonzept teilnehmen können Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten. Die Steuerung übernimmt der Hausarzt, Facharzt oder der Psychotherapeut – laut dem Rahmenkonzept ist das von der Indikation, aber auch vom Schweregrad der jeweiligen Erkrankung des Patienten abhängig.


WIB: Was sind die nächsten Schritte?

Dr. Bergmann: Das Rahmenkonzept ist ein Vertragsentwurf, von dem die Patienten sehr profitieren würden. Im Rahmen der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen sind jetzt die Kassen gefragt, es zusammen mit uns möglichst breit umzusetzen.


WIB: Dr. Bergmann, wir danken für das Interview.