Geheimnisse im Interview

Geheimnisse im Interview

Braunschweig,  02. Oktober 2015


Interview Christian Schultz | Diakonie Stiftung Salem | Quartiersentwicklung

Die Diakonie Stiftung Salem, Minden, gilt als einer der Vorreiter bei der Entwicklung von integrativen Quartierskonzepten in der Pflegebranche. Das war nicht immer so: Drei vollstationäre Einrichtungen der Altenhilfe auf engstem Raum hatten in der Vergangenheit eher zu einer „Ghettoisierung“ geführt – und später das Umdenken eingeleitet. Mit Erfolg.
Wirtschaftsbrief Gesundheit (WIB) sprach mit dem kaufmännischen Vorstand, Christian Schultz, über Tatsachen und Visionen.

Das Interview führte Thordis Eckhardt.


WIB: Herr Schultz, Sie plädieren für die Versorgungsform „Ambulant trotz stationär“ in der Pflege. Warum?

Schultz: Weil ich der festen Überzeugung bin, dass der derzeit politisch forcierte Abbau stationärer Plätze einer differenzierteren Betrachtung bedarf: Menschen möchten natürlich selbstbestimmt und selbstverantwortet leben – auch im Alter, auch für den Fall der Pflege- und Betreuungsbedürftigkeit. Der Verbleib in der eigenen Häuslichkeit muss daher als Prämisse für Anbieter betreuender und pflegerischer Leistungen eine hohe handlungsleitende Relevanz haben. Gleichwohl wird meines Erachtens auch die vollstationäre Versorgung ihre Berechtigung behalten, weil es immer auch Menschen geben wird, die einen hohen Bedarf (oder auch das Bedürfnis) an einer umfassenden pflegerischen Betreuung in einem stabilen sozialen Umfeld haben. Wahrscheinlich wird sich jedoch das Aufgabenspektrum in diesen Einrichtungen weiter verändern – ein Trend, den wir bereits seit Jahren feststellen (zunehmende Multimorbidität, zunehmende demenzielle Erkrankungen, kürzere Verweildauern, da Bewohner erst in höherem Alter in stationäre Einrichtungen einziehen etc.).

Mehr und mehr merken wir aber, dass das Favorisieren einer einzigen Betreuungsform nicht zielführend ist, da sich die Bedarfe von Menschen im Alter schon jetzt sehr heterogen und individuell verschieden darstellen. Der – ich nenne ihn einmal – gesellschaftliche „Trend zur Individualisierung“ hat zur Konsequenz, dass unser Angebotsportfolio ein hohes Maß an Flexibilität aufweisen muss, um passgenaue, auf die Bedarfe des Einzelnen zugeschnittene Formen pflegerischer und betreuender Leistungen anbieten zu können.

Kurz: Ich plädiere dafür, Angebote vorzuhalten, die es durch ein hohes Maß an Flexibilität ermöglichen, Individualität, Selbstbestimmung und Autonomie alter und/oder pflegebedürftiger Menschen bedarfsorientiert anbieten und kombinieren zu können. Mir ist bewusst, dass das für viele Anbieter sozialer Leistungen eine große, nicht nur monetäre Herausforderung ist, die insbesondere auch politisch gestützt und ermöglicht werden muss, was ich in den derzeitigen landespflegerechtlichen Prozessen leider nicht immer erkenne.

WIB: Gleichzeitig machen Sie sich stark für ein quartiersintegratives Miteinander. Wie kann das idealerweise aussehen?

Schultz: Zum einen liegt nahe, dass Menschen – unabhängig vom Alter und dem Grad ihrer Selbstpflegefähigkeit – natürlich eine hohe lebens- und sozialräumliche Einbindung entwickelt haben, die es zu erhalten gilt. Beim Versuch, diese immanent wichtigen Bezüge auch im Fall zunehmender Pflegebedürftigkeit aufrecht zu erhalten, stoßen institutionalisierte Unterstützungsformen allein an ihre Grenzen. Insbesondere rein stationäre Systeme sind strukturell bestenfalls in der Lage, diese individuell äußerst heterogenen Sozialraumbezüge zu imitieren. „Das Heim“ ist – da machen wir uns nichts vor – trotz aller Bemühungen immer eine künstliche Welt, die die gewohnten Lebensbezüge von Menschen nicht zu 100 Prozent nachbilden kann. Eine wirkliche lebensraumorientierte Verortung pflegerischer Angebote ist daher zwingend.

Zum anderen bedarf es neben der „internen Neuausrichtung“ institutionalisierter Angebote eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses, um die Betreuungs- und Unterstützungsbedarfe von Menschen ideal aufzugreifen. Die geltende Prämisse muss meiner Meinung nach die der „Beteiligungsorientierung“ sein: Einrichtungen und Angebote müssen ihren über lange Jahre entwickelten „Vollversorgungsgedanken“ zugunsten einer größtmöglichen Autonomieorientierung verändern – natürlich entsprechend politisch unterstützt und getragen. Aber auch die Gesellschaft – und hier setze ich am unmittelbaren Umfeld, dem „Lebensquartier der Menschen“ an – muss sich mit dieser Prämisse auseinandersetzen.

Wir brauchen ein weit höheres Maß an wirklicher Mitwirkung, als das heute oft der Fall ist. Wir brauchen bürgerschaftliches Engagement aller in einem Quartier lebenden Menschen bei der Mitgestaltung ihres Sozialraumes – immer getragen auch von der Idee, dass ein Verbleib im gewohnten Sozialraum möglichst in jeder Lebenssituation selbstverständlich möglich sein muss. Wir brauchen ein Umdenken dahingehend, dass Alter, Krankheit, Behinderung oder Handicaps ebenso „normal“ sind wie das Leben ohne Einschränkungen. Hier setze ich stark auf die derzeitige Inklusionsdebatte, sofern der Inklusionsbegriff nicht zu eng gefasst wird. Idealerweise verbindet alle Akteure der Quartiersentwicklung zunächst einmal dieses Ideal, nämlich die Orientierung an der Autonomie und Lebensnormalität aller im Quartier lebenden Menschen – ich möchte hierfür lieber auch den Begriff des „Miteinanders der Generationen“ als den der „Generationengerechtigkeit“ verwenden, der ja immer auch ein bisschen das „Gegeneinander-Aufrechnen“ impliziert.

Angebote in diesem Quartier sollten dann gemeinsam an den Bedarfen der dort lebenden Menschen ausgerichtet und von allen getragen werden. „Das Heim“ muss zu „unserem Heim“ werden, das eine offene und selbstverständliche Anlaufstelle für die Menschen im Quartier wird. Politik, Leistungsanbieter und Bürger müssen dabei jeweils ihren Beitrag zur kontinuierlichen Fortentwicklung dieses Quartiers leisten – und zwar partizipativ. Insbesondere eher stationär ausgerichteten Einrichtungen der Pflege und Betreuung kann – wenn dieser Prozess der Quartiersentwicklung gelingend angegangen und gelebt wird – eine wichtige Funktion im Quartier zukommen, sie können Zentren des gemeinschaftlichen Lebens im Quartier werden, wenn sie die Lebenswirklichkeit und -normalität vieler Menschen in dem jeweiligen Sozialraum aufgreifen und immer wieder zusammenführen, z.B. durch kulturelle Angebote, Einbindung ehrenamtlich tätiger „Mitbewohner im Quartier“ etc..


WIB: Die Diakonie Stiftung Salem hat ein Konzept der Quartiersentwicklung in Minden bereits umgesetzt - und den plant den weiteren Ausbau. Was ist das Besondere an Ihrem Quartier?

Schultz: Ich wäre da eher bescheiden und würde sagen, dass wir einen ersten Schritt in Richtung Quartiersentwicklung gegangen sind, zumal Quartiersentwicklung meines Erachtens ein kontinuierlicher Prozess sein muss, da sich Menschen und ihre spezifischen Bedarfe fortwährend verändern. Das Besondere ist, dass wir anbieterseitig gute Ausgangsbedingungen haben: Nahezu „mitten im Quartier“ befindet sich ein historisch gewachsenes und über die Jahre etabliertes Areal, von dem aus zunächst Diakonissen in das Quartier und die Stadt hinein gewirkt haben – sei es durch stationäre Angebote der Kinder- und Jugendhilfe oder der Altenhilfe, durch ihre Tätigkeit im hiesigen Klinikum oder als Gemeindeschwester. „Salem“ ist – zumindest bei der älteren Generation in dem betreffenden Stadtteil – zu einer Selbstverständlichkeit innerhalb des Quartiers geworden – auch wenn die Zahl der Diakonissen selbst rückläufig ist.

Durch das Wirken der Schwestern haben wir heute einen Campus mit zahlreichen baulichen Möglichkeiten – aber eben auch den damit verbundenen Problemen: drei vollstationäre Einrichtungen der Altenhilfe auf engstem Raum haben in der Vergangenheit eher zu einer „Ghettoisierung“ geführt. Den Stein ins Rollen gebracht haben behördliche Auflagen, die vielen Betreibern von Altenhilfeeinrichtungen nicht fremd sind: brandschutz- und landespflegerechtliche Auflagen haben uns dazu gezwungen, diesen „Campus Salem“ selbstkritisch zu betrachten und Überlegungen anzustellen, wie dieses Areal und seine Infrastruktur quartiersbezogen sinnvoll umgestaltet werden können. Dazu gehört u.a. auch die Überlegung, vorhandene Gebäude durch neue, Flexibilität ermöglichende Ersatzneubauten zu ersetzen. Wichtig dabei war und ist, die lokal Verantwortlichen in die Überlegungen einzubeziehen und nicht nur trägerintern zu überlegen, wie wir unsere Angebote der voll- und teilstationären Altenhilfe und der Kinder- und Jugendhilfe inhaltlich neu ausrichten können.

Die Menschen im vorhandenen Quartier haben sich verändert; der betreffende Stadtteil ist heute einer der Stadtteile Mindens, der geprägt ist durch einen hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Um möglichst alle diese durch unterschiedliche Lebenswirklichkeiten geprägten Menschen im Quartier anzusprechen, musste die Fortentwicklung des „Campus Salem“ von dem Gedanken getragen werden, hier ein „Zentrum der heterogenen Bedarfe“ zu schaffen. Wir versuchen das, indem Kinder, Jugendliche, Berufstätige, Alte, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund oder Menschen mit Handicaps auf dem „Campus Salem“ Angebote abrufen können, die ihren Bedarfen entsprechen. Das können kulturelle Aktivitäten sein, die generationen- und bedarfsübergreifend ausgestaltet werden, Formen der Zusammenarbeit mit ortsnahen Schulen (Hausaufgabenhilfe, Offener Ganztag etc.) und Kirchengemeinden, Beratungsangebote für Familien, Kinder und Jugendliche, Senioren, Menschen mit Migrationshintergrund etc. oder aber auch inhaltlich völlig neu aufgestellte Betreuungs- und Lebensformen, beispielsweise in Form von Hausgemeinschaften, die an der Autonomie und Alltagsnormalität der unterschiedlichsten Zielgruppen ausgerichtet sind.

Neben der vorhandenen Infrastruktur und dem Willen zur Neuausrichtung ist dabei der Gestaltungswille vor Ort wichtig, der u.a. dadurch bekundet wird, dass es im betreffenden Quartier einen behördlicherseits eingesetzten Quartiersmanager gibt, den wir mehr und mehr in unsere Überlegungen einbinden. Hilfreich ist darüber hinaus auch die Offenheit der campusnahen Kirchengemeinden, sich der wandelnden Bedarfslagen der Menschen im Stadtteil anzunehmen.    


WIB: Wenn Sie einen guten Rat weitergeben mögen: Welchen Rat würden Sie Pflegeeinrichtungen mit auf den Weg geben, die eine Quartiersentwicklung planen?

Schultz: Mein Rat: Wechseln Sie Ihre Blickrichtung – weg von der Versorgungsorientierung hin zur „Normalitäts- und Alltagsorientierung“. Das bedeutet: Stellen Sie wirklich diejenigen Menschen und ihre Bedürfnisse, für die Sie Angebote vorhalten möchten, in das Zentrum Ihrer Überlegungen und versuchen Sie, Ihre Angebote an diesen Menschen auszurichten und nicht die Menschen Ihren Angeboten anzupassen.

Gehen Sie ins Gespräch mit den lokalen Akteuren, denn allein die „innere Ausrichtung der Angebote“ greift zu kurz. Menschen wollen im gewohnten Sozialraum verbleiben oder zumindest gelebte soziale Bezüge in gewohnter Weise aufrechterhalten. Machen Sie sich dabei Ihre Grenze klar: Institutionalisierte Formen von Pflege und Betreuung können für sich nur eine unzureichende Imitation dieser Lebensweltbezüge erreichen – die lokale Einbindung und Ausrichtung der eigenen Angebote braucht den „Input von Außen“, nämlich von den im Quartier lebenden Menschen.

Das setzt – und das ist mein dritter Rat – voraus, dass Leistungsanbieter sich in hohem Maße „Flexibilisieren“ müssen. Schaffen Sie Formen der Hilfe, die möglichst nahtlos unterschiedlichste Bedarfe an Pflege und Betreuung so individuell wie nur möglich aufgreifen und realisieren können. Angebotsflexibilisierung heißt aber auch, dass Mitarbeitende und hauptamtlich Tätige ihr Denken an der Alltagsnormalität der Menschen und nicht an ihrer eigenen Berufsgruppenspezifität ausrichten müssen. Vielmehr muss berufsgruppenübergreifend gedacht und die Integration ehrenamtlich tätiger Bürger selbstverständlicher Bestandteil der Angebotsentwicklung sein, um eine Abkehr von der Versorgungs- zur Mitwirkungsgesellschaft zu bewirken. Das alles setzt neben einem internen Reformwillen auch und besonders politische und behördliche Unterstützung voraus, die nicht in sektoralem Denken verhaftet bleiben darf, sondern die Idee der sozialräumlich orientierten Angebotsflexibilisierung aktiv und kreativ mitgestalten muss. Seien Sie also auch politisch aktiv!   


WIB: Herr Schultz, wir danken Ihnen für das Interview.

Fotos: Diakonie Stiftung Salem