Pflege, Reha & Soziales

Exklusive Interviews

Hannover,  19. Dezember 2016


Interview Thomas Mähnert | Johanniter-Unfall-Hilfe | Bevölkerungsschutz

"Wir müssen neue Strukturen schaffen und sensibiliseren."

„Mission Bevölkerungsschutz“: Bei der Identifizierung von gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen gelten die Johanniter im Landesverband Niedersachsen/Bremen (JUH), Hannover, als Trendsetter in der Branche der Wohlfahrtsverbände. Sie zählen zu den ersten Organisa­tionen, die aus den Erfahrungen der Flüchtlingskrise 2015 – in der die Wohlfahrtsorganisationen einen Großteil der Logistik, Erstversorgung und medizinischen Betreuung von geflüchteten Menschen übernahmen –, Konsequenzen für die Zukunft zogen. Wirtschaftsbrief Gesundheit sprach mit dem JUH-Landesvorstand, Thomas Mähnert, über die  Herausforderungen im Bevölkerungsschutz angesichts der aktuellen Sicherheitsdebatte in Deutschland.

Das Interview führte: Thordis Eckhardt.


WIB: Herr Mähnert, die Johanniter im Landesverband Niedersachsen/Bremen gelten als Trendsetter bei der Identifizierung von gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen und der frühzeitigen Anpassung von Strukturen und Services an aktuelle Herausforderungen. Welche Entwicklung treibt Sie aktuell um?

Thomas Mähnert: Aktuell beschäftigen wir uns mit dem Thema Bevölkerungsschutz. Uns geht es dabei zum einen um eine Stärkung des Bewusstseins für dieses Thema auf allen Ebenen der Gesellschaft und zum anderen wollen wir den Bürgerinnen und Bürgern aufzeigen, welche Möglichkeiten es bei uns gibt, sich aktiv zu engagieren.


WIB: Sie haben im Norden Deutschlands mit der im November gestarteten Online-Aktion „Helden bitte melden“ für Aufsehen gesorgt. Was ist das Ziel dieser Aktion und welche Resultate erzielten Sie bislang?

Thomas Mähnert: Zum einen wollen wir auf das Thema Bevölkerungsschutz aufmerksam machen und zum anderen wollen wir über diese Aktion neue Helferinnen und Helfer für unsere Arbeit gewinnen. An vielen Sandorten in unserem Landesverband haben sich Interessierte gemeldet und über unsere Arbeit vor Ort informiert. Die kommenden Monate werden zeigen, wie viele davon tatsächlich bei uns aktiv werden.


WIB: Die norddeutsche Aktion ist eingebettet in Ihre breit angelegte Kommunikationskampagne "Mission Bevölkerungsschutz“. An wen genau adressieren Sie und warum? 

Thomas Mähnert: Die Kampagne richtet sich primär an Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft. Es geht darum, umfassen über das Thema zu informieren, aber auch deutlich den Unterstützungsbedarf und Unterstützungsmöglichkeiten, beispielsweise für Arbeitgeber, aufzuzeigen. Eine gute Verwurzelung des Themas in der Politik – sowohl auf Landes- als auch auf kommunaler Ebene – ist wichtig, um die erforderlichen Strukturen in Bezug auf Ausstattung und Finanzierung zu schaffen.  


WIB: Rückblende: Noch in den 70er und 80er Jahren war das Thema Bevölkerungs- und Katastrophenschutz in Deutschland richtig gut aufgestellt. Erinnern wir uns nur an die Sirenenwarnungen über öffentliche Lautsprecher, die parallel von Rundfunkdurchsagen begleitet und zu Übungszwecken initiiert worden waren. Warum hat der Bevölkerungsschutz heute an Bedeutung verloren? Was ist passiert? 

Thomas Mähnert: Mit dem Ende des Kalten Krieges sind die Vorhaltungen im Bereich des Bevölkerungs- und Katastrophenschutzes sukzessive zurückgegangen. Der Bedarf wurde nicht mehr gesehen – der Bund hatte sich nahezu ganz aus der Thematik zurückgezogen. Auch die Wahrnehmung jedes Einzelnen, dass er selbst für sich Vorsorge tragen kann und muss, sind in den vergangenen Jahren nahezu verloren gegangen. Das Thema war einfach nicht mehr aktuell. Wir fühlen uns rund herum sicher und abgesichert. Die Ereignisse der vergangenen Monate haben uns aber deutlich gezeigt, dass wir – gerade im Bereich der Betreuungsdienste – starken Nachholbedarf haben.  


WIB: Zusammen mit anderen Hilfsorganisation, Unternehmen und Hochschulen arbeiten Sie an neuen Konzepten zum Bevölkerungsschutz. Wie sehen diese aus?  

Thomas Mähnert: Unsere Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe, aber auch vergangene Großereignisse wie das Hochwasser 2013 haben uns gezeigt, dass es eine große Zahle an Bürgern gibt, die uns bei der Bewältigung solcher Ereignisse unterstützen wollen, aber nicht wissen wie und wo. Hier setzt unserer Forschungsprojekt, unter anderem mit der Leibniz-Universität in Hannover, an, um Möglichkeiten zu entwickeln, Bürgern ein Angebot zu bieten, sich beispielsweise über die Sozialen Medien oder spezielle News-Groups mit uns spontan zu vernetzen.

Darüber hinaus wollen wir eine Möglichkeit schaffen, dass man sich bereits im Vorfeld bei uns registrieren lassen kann, um bei einem Ereignis sofort gezielt durch uns angesprochen werden zu können. Eine solche Registrierung würde durch eine niederschwellige Grundausbildung begleitet, die es ermöglichen soll, sich schnell im Einsatzgeschehen zurecht zu finden.  


WIB: Welche Unterstützung wünschen Sie sich von Politik und Unternehmen für die Realisation eines modernen Bevölkerungsschutzes im 21. Jahrhundert?  

Thomas Mähnert: Wir wünschen uns, dass die Strukturen und Konzepte den modernen Anforderungen und Möglichkeiten angepasst werden. Der Aufbau von modularen Einheiten, die zu größeren Einsatzkomponenten – auch über Organisationsgrenzen hinaus – aufwachsen können, um gezielt und schnell auf Ereignisse reagieren zu können, gehören genauso dazu, wie auch eine auskömmliche, dauerhafte Finanzierung in Technik und Ausbildung unserer Einsatzkräfte.

Ein funktionierender und effizienter Bevölkerungsschutz funktioniert nur, wenn es uns gelingt, ausreichend motivierte und gut ausgebildete Ehrenamtliche zu gewinnen. Hierbei sind wir auch auf die Unterstützung von Arbeitgebern angewiesen, die unsere Helferinnen und Helfer nicht nur zu Einsätzen, sondern auch zu Aus- und Fortbildungsmaßnahmen freistellen.

Bevölkerungsschutz geht uns alle an und kann nur funktionieren, wenn wir alle unseren Beitrag dazu leisten.


WIB: Herr Mähnert, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Bilder: @ JUH Niedersachsen/Bremen