Pflege, Reha & Soziales

Exklusive Interviews

Berlin,  19. März 2019


Interview Thomas Mähnert | Johanniter-Unfall-Hilfe | Digitalstrategie

„Digital denken – sozial handeln“: Johanniter-Unfall-Hilfe setzt Digitalstrategie konsequent um

Neue Versorgungsstrukturen mitdenken, eine gemeinsame Datenbasis schaffen und Informationen, Leistungen und Angebote über eine universelle Kommunikations-Plattform verfügbar machen – das ist die konkrete Aufgabe, die es aktuell von Unternehmen der Wohlfahrtspflege und der Gesundheitswirtschaft sowie von politischen Entscheidungsträgern in Deutschland zu lösen gilt. Die Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH), Berlin, hat zur Bewältigung dieser Herausforderungen eine Digitalstrategie für die eigene Organisation erarbeitet. Wirtschaftsbrief Gesundheit sprach mit dem Mitglied des Bundesvorstandes, Thomas Mähnert, über die Eckpunkte der Strategie.


Interview: Thordis Eckhardt.  


WIB: Herr Mähnert, warum setzen Sie auf eine Digitalstrategie bei der JUH, und wo stehen Sie aktuell?

Thomas Mähnert: Die Entwicklung einer Digitalstrategie greift eine neue Dimension in der Wohlfahrtspflege auf und ist wichtiger Teil eines großen Ganzen. Sie ist eine Zäsur, doch nicht der Beginn unserer Reise in eine zukunftsfähige pflegerische Versorgung der Menschen, die uns vertrauen und auf unsere Unterstützung setzen. Konkret arbeiten wir an der Digitalisierung unserer internen Prozesse und Kundenbeziehungen, beispielsweise an elektronischen Verträgen, der digitalen Annahme von Aufträgen oder der mobilen Unterstützung in den Notrufzentralen. Es gilt Ableitungen zu bilden, Prioritäten zu setzen und erste Schritte zu realisieren. Eines unserer Ziele ist der Aufbau einer digitalen Plattform als Schnittstelle zwischen den Kunden- und Leistungsbereichen. Das ist nicht trivial bei der Bandbreite an Themen, die wir bearbeiten. Gleichwohl: Die Hälfte der Strecke haben wir bereits geschafft.  


WIB: Inwieweit geht Ihre Digitalstrategie über die interne Prozessoptimierung hinaus?

Mähnert: In erster Linie geht es uns um die Innovationsfähigkeit unserer Organisation. Wir stellten uns zu Beginn die Frage, wie innovativ wir eigentlich sind. Resultat: Die Johanniter sind seit über 900 Jahren im Markt aktiv – und eine der größten Wohlfahrtsorganisationen Deutschlands. Wären wir nicht innovativ, würde es uns nicht mehr geben. Das mag im Widerspruch zur Wahrnehmung der Innovationsstärke im Markt stehen: Bei uns steht der Nutzen für unsere Kunden im Vordergrund, nicht die exponierte Wahrnehmung technologischer Anwendungen in der Öffentlichkeit. Digitalisierung ist nie unser einziges Thema. Wir sind eine gemeinnützige Organisation und senden andere Botschaften.  


WIB: Halten Sie diese Einstellung für zeitgemäß?

Mähnert: Ich halte sie für richtig. Und bin offen für Ansichten und Anregungen von Dritten. Speziell vor dem Hintergrund, dass wir in Deutschland Versorgung systemisch neu denken müssen. Es geht um einen Technologie- und Kulturwandel. Wir müssen digital denken und sozial handeln. Dafür benötigen wir Menschen genauso wie assistierende Systeme – Exoskelette, Roboter-Technologien oder AR-Brillen.

Viele der Technologien haben wir intern ausprobiert; nicht alles ist heute markttauglich oder hilfreich. Wir müssen und wollen nicht jeden Trend mitmachen und stoßen zu recht intern auch auf Skepsis in unseren Teams – von den Pflegekräften bis zu den Führungskräften. Unsere größte Herausforderung ist es, alle unsere 60.000 Mitarbeiter auf dem Weg zur Digitalisierung mitzunehmen. Dabei möchten wir einen Kulturwandel initiieren, der dazu führt, dass die Chancen eines technologischen Wandels erkannt, angenommen und innerhalb unserer Organisation umgesetzt werden. Hier wollen wir Vorreiter sein.  

WIB: Nachgefasst: Die JUH wird sich als Vorreiter der digitalen Wohlfahrtpflege positionieren?

Mähnert: Wir setzen das Thema auf die Agenda und fördern den Dialog – zusammen mit anderen Partnern und Wohlfahrtsorganisationen. Um extern etwas zu bewegen, müssen wir zuerst intern fit sein. Das ist unser Credo. Parallel arbeiten wir gemeinsam im Verbund mit 15 sozialen Trägern an der Entwicklung eines bundesweiten Informations- und Vermittlungsportals für soziale und pflegerische Dienstleistungen.  

WIB: Herr Mähnert, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Bild: @ JUH