Pflege, Reha & Soziales

Exklusive Interviews

Gummersbach,  05. Juni 2018


Interview Sebastian Wirth | Diakonie vor Ort gGmbH | Datenaustausch Kassen

Datenaustausch in der Pflege: "Das ist für mich ein Skandal" 

Die Diskrepanz ist offensichtlich: Während branchenfremde Pflegemarkt-Experten die „Pflege 4.0“ skandieren, arbeiten viele Pflegeeinrichtungen hinsichtlich des Datenaustauschs (DTA) mit den Krankenkassen noch mit Systemen aus den 80iger Jahren. Das Problem ist nicht der Wille oder die Kompetenz der professionell Pflegenden, sondern die willkürlichen Vorgaben der Krankenkassen, die den DTA individualisieren.

Im Interview mit Thordis Eckhardt, Chefredakteurin vom Wirtschaftsbrief Gesund­heit, fordert der Geschäftsführer der Diakoniestation An der Agger und in Windeck - Diakonie vor Ort gGmbH, Sebastian Wirth: „einheitliche technische Verfahren der Datenanlieferung“ zu etablieren und „den Postversand endlich einzustellen“. 

Das Interview führte: Thordis Eckhardt  


WIB: Herr Wirth, der Pflegemarkt hat den Begriff „Pflege 4.0“ absorbiert und spricht von einer Zeitenwende. Was konkret verstehen Sie unter „Pflege 4.0“ - und wo steht die Branche im operativen Geschäft tatsächlich?

Sebastian Wirth: Dieser Begriff ist nicht definiert und wird von dem Pflegemarkt je nach Interesse genutzt. Die Begrifflichkeit charakterisiert eher die Möglichkeiten von vernetzten, technischen Systemen als eine Änderung der Arbeitswelt. So müsste die digitale Kompetenz der Mitarbeitenden in den Pflegeeinrichtungen stärker in den Blick genommen werden.

Es gibt bereits vielfältige technische Unterstützung von körperlich schweren Verrichtungen wie z.B. der Lifter in der Pflege. Neue Technologien dazu sind nicht bekannt. Wenn geht es meist um Entlastung des Alltagsgeschehen mit Assistenzsystemen, die aber auch immer die ethische Dimension der Akzeptanz der Pflegebedürftigen haben.

Im operativen Geschäft sehen wir dagegen deutliche Defizite: Wir dokumentieren unsere Leistungen noch mit Systemen aus den 80-igern. Auch sind die Kommunikations- und Vernetzungswege aller Mitwirkenden einer professionellen pflegerischen und ärztlichen Versorgung noch deutlich ausbaufähig. Gleiches gilt für die Quittierung und Abrechnung sowie den Zahlungswegen, bei denen die Pflege den digitalen Möglichkeiten weit hinterher hinkt. Damit könnten erhebliche Gelder im Verwaltungshandeln eingespart werden.  


WIB: Mit welchen Technologien wird heute in den Einrichtungen überwiegend gearbeitet?

Sebastian Wirth: Als ambulante Pflegeeinrichtungen nutzen wir ein Komplettprogramm für ambulante Pflegeeinrichtungen zur Auftragsverwaltung und zur Dienst- und Einsatzplanung. Damit werden dann die Tour-Einsätze direkt auf die MDA’s der Mitarbeitenden gesandt. Nach Ende einer Tour werden die aktuellen Informationen zurück transferiert. Parallel dazu erfolgt die Arbeitszeiterfassung.

Die Leistungserfassung vor Ort beim Patienten muss durch Vorgaben der Kranken- und Pflegekassen nach wie vor handschriftlich erfolgen. Auch muss der Patient den Erhalt der Leistungen am Ende des Monats mit Unterschrift quittieren. Und auch die Pflegedienstleitung bestätigt mit Unterschrift die Richtigkeit der Angaben. Gleiches gilt bei der Beauftragung einer verordneten ärztlichen Behandlungspflege: Auch dort zählt nur die Unterschrift.

Bei der Abrechnung setzt sich dies fort: Angeblich rechnen wir ab Ende der 90-iger Jahre mit dem sogenannten Datenträgeraustausch (DTA) ab. Aber weder ist es ein Austausch von Daten zwischen Einrichtung und Krankenkassen noch läuft das gesamte Verfahren datentechnisch. Vielmehr müssen wir noch zusätzliche Unterlagen per Post schicken und erhalten von den Krankenkassen viel Post ohne Datentransfer zurück.  


WIB: Wie erklären Sie sich die technologischen Diskrepanzen in Bezug auf den „Datenträgeraustausch“ zwischen den Krankenkassen und den Pflege-Einrichtungen in den unterschiedlichen Bundesländern?

Sebastian Wirth: Die Abrechnungsverfahren werden einseitig von den Krankenkassen vorgegeben. Dies erfolgt in der Technischen Arbeitsgruppe der Gesetzlichen Krankenversicherung, die grundsätzliche Richtlinien zur Abwicklung des Datenaustauschs nach § 302 SGB V festlegt. Dort haben die Pflegeeinrichtungen kein Mitspracherecht. Die Sichtweise ist allein, wie die Daten einheitlich und strukturiert zu den Abrechnungsstellen der Krankenkassen kommen und was durch eine Nachbearbeitung als Mehraufwand der Krankenkasse der Einrichtung in Rechnung gestellt werden kann. Die Kommunikation zurück interessiert dabei nicht.

Daneben gibt es für den Datenaustausch nach § 105 SGB XI eine Arbeitsgruppe auf Bundesebene, in der die Einrichtungen durch die Spitzenverbände vertreten sind. Aber auch dort spielte bisher die Frage eines echten Austausches keine Rolle. Im Bereich SGB XI gibt es dazu noch immer Leistungen, die nicht im DTA abgerechnet werden können.

Auf den Landesebenen gibt es wieder eigene Gremien, die die Verträge zwischen Krankenkassen und Einrichtungen verhandeln. Dort spielt das Thema echter Daten-Austausch aber keine große bis gar keine Rolle. Es wird auf die Bundesebene verwiesen, wo nach Ansicht der Krankenkassen die Entscheidungen getroffen werden.  


WIB: Wie stellt sich das Problem in Ihrer Einrichtung dar
?

Sebastian Wirth: Bundesweit gibt es ca. 100 gesetzliche Krankenkassen. Wir rechnen mit ca. 60 von ihnen Leistungen ab. Hinzu kommen noch die privaten Krankenkassen. Jeder Leistungsbereich muss gesondert und mit getrennter Rechnung abgerechnet werden - als Behandlungspflege nach SGB V, Grundpflege und Hauswirtschaft nach SGB XI und dann noch gesondert Leistungen im Entlastungsbetrag und der Verhinderungspflege - letztere aber ohne DTA, sondern mit Papierrechnung.

Mit den gesetzlichen Krankenkassen wird bei uns per DTA abgerechnet. Dazu werden mehrere Einzelrechnungen einer Krankenkasse zu einer Sammelrechnung zusammengestellt und über eine Schnittstelle zu der Abrechnungsstelle transferiert. Zwei der Krankenkassen können dabei immer noch keinen DTA annehmen.

Nach dem Datentransfer werden den Krankenkassen noch die jeweiligen handschriftlich geführten Leistungsnachweise und eventuell weitere Unterlagen per Post hinterher gesandt. Zum Teil müssen diese Unterlagen noch handschriftlich mit der Rechnungsnummer versehen werden. Die Möglichkeit des digitalen Leistungsnachweises nutzen wir nicht, da daneben auch immer noch ein handschriftlicher Nachweis geführt werden muss.

Von den Krankenkassen erhalten wir dann Überweisungen auf unser Konto. Häufig lassen diese sich nicht anhand von Rechnungsnummern oder der gesonderten Nummer für die Sammelrechnung zuordnen. Rechnungskürzungen werden deutlich nach Zahlungseingang per Post erläutert, häufig auch unverständlich bzw. nicht nachvollziehbar. Ein Zahlungs-Avis auf unsere Rechnung erhalten wir generell nur selten. Dies alles bedeutet einen hohen Verwaltungsaufwand - bei uns.   


WIB: Wie ließe sich dieses Dilemma Ihrer Meinung nach lösen?

Sebastian Wirth: Dies ist eigentlich kein Dilemma, sondern für mich ein Skandal. Auf dem Weg werden viele Beitragsgelder ausgegeben, die sinnvoller in die Pflege gesteckt werden könnten. Die Sozialpartnerschaft funktioniert nicht, wenn nur eine Seite die Vorgaben macht und sich dabei alle Daten „mundgerecht“ liefern lässt.

Die Kranken- und Pflegekassen sollten verpflichtet werden, ein bundeseinheitliches Verfahren zum Datenaustausch bei der Leistungserfassung und der Abrechnung zu verwenden. Dazu könnten einheitliche Muster eingeführt werden, von denen die Krankenkassen viele für alle Bereiche nutzen. Danach sollten alle technischen Möglichkeiten genutzt werden - auch zur Minimierung des Aufwandes in den Pflegeeinrichtungen.

So gibt es in anderen Bereich längst technische Verfahren zur Quittierung von Leistungen und zur Beauftragung von Diensten. Auch ist es möglich, Belege einzuscannen und per Mail zu senden oder in eine Cloud zu hinterlegen.

Wir versuchen bereits mit Krankenkassen andere Verfahren wie Mailverkehr zu verabreden. Diese sind aber immer nur für eine Krankenkasse gültig und es wird immer noch viel Papier per Post bewegt. Das ist mühselig und führt uns nicht weiter.  


WIB: Welche Unterstützung bedarf es von Seiten des Gesetzgebers auf Bundes- und auf Länderebene bzw. von den Verbänden als Standesvertretungen?

Sebastian Wirth: Es muss endlich ein Perspektivwechsel hin zum echten „Austausch“ her: Bisher ging es vor allem darum, durch technische Verfahren der Datenanlieferung die Verwaltungskosten der Krankenkassen zu minimieren. Dies ging immer zu Lasten der Pflegeeinrichtungen: Sie bekamen weder einen Ausgleich für technische Nachrüstungen der Programme noch erhielten sie für die digitale Versendung die Rückmeldungen auf dem elektronischen Weg. Vielmehr gehen immer noch zu viele Nachweise, ärztliche Verordnungen etc. auf den Postweg.

Jetzt müssten endlich klare Vorgaben her, die alle Krankenkassen zwingen, auch den Pflegeeinrichtungen die Zahlungs-Avis, Rechnungskürzungen etc. per Daten-Austausch zu liefern. Der Postversand ist einzustellen und alle technischen Möglichkeiten der Leistungserfassung und Quittierung sind zu nutzen.

Dazu bedarf es klare gesetzliche Vorgaben mit eindeutigen Zeitvorgaben zur Umsetzung - mit den bisherigen Strukturen ist dies nicht zu verwirklichen. Und auch sind die Verbände der Leistungsanbieter entweder in den maßgeblichen Gremien nicht vertreten oder haben die klar schwächere Position. Des Weiteren fehlt ein Konfliktlösungsinstrument bei Streitigkeiten oder Unklarheiten.  


WIB: Wird die Telematik-Infrastruktur - sofern sie endlich realisiert wird - die Pflegeeinrichtungen in ihren administrativen Arbeiten entlasten?

Sebastian Wirth: Die Diskussionen zur Telematik drehen sich immer nur darum, was jeweils unterschiedliche Berufsgruppen gesondert von dem Projekt haben. Uns wurde einmal angeboten, die ärztliche Verordnung per Datentransfer zu bekommen. Dazu hätten wir eine Schnittstelle zu unserem Programm fertigen müssen, damit die Verordnung in unser System eingebettet wird und es nicht zur Parallelitäten kommt. Da eine Verordnung vom Patienten handschriftlich zu unterschreiben ist, müssten wir die Verordnung dennoch ausdrucken und zum Patienten bringen. Es wäre also zu einem Mehraufwand bei uns bei der Entlastung des Arztes gekommen.

Gleiches gilt für die häufig angesprochene Telemedizin: Zunächst benötigt man andere Hard- und Software. Dann gibt es gerade auf dem Land, wo solche Anwendungen Sinn geben würde, kein ausreichendes Internet. Und dass wir als ambulante Pflegeeinrichtungen sowieso schon viel Zeit beim Patienten sind und mit unseren vorhandenen Geräten bereits Informationen an den Arzt weitergeben könnten, wird meist vergessen. Lieber werden neue technische Möglichkeiten vorgestellt, zu denen dann zunächst die Daten-Schnittstellen geschaffen werden müssen.

Generell sollte bei der Telematik immer der sozialwirtschaftliche Nutzen der Gesellschaft im Vordergrund stehen. Dabei muss klar sein, welchen Benefit alle Beteiligten durch die Nutzung haben, welche technischen Möglichkeiten bereits in der Anwendung sind und wie das neue Produkt in die bestehenden Programme eingebettet werden kann. Dann könnte ich mir durchaus etwas administrative Entlastung für die ambulanten Pflegeeinrichtungen vorstellen.


WIB: Herr Wirth, wir danken Ihnen für das Interview.