Pflege, Reha & Soziales

Exklusive Interviews

Braunschweig,  26. Februar 2019


Interview Prof. Reinhold Haux | TU Braunschweig | eHealth-Entwicklung

„Ein klarer politischer Wille scheint für eine nachhaltige eHealth-Entwicklung im Land relevant zu sein.“  

Die Gesundheitsversorgung in Deutschland steht hinsichtlich des Digitalisierungsgrades seiner Leistungen gegenüber anderen Ländern zurück. Insbesondere die Eintragung von Gesundheitsdaten in die eigene Krankenakte oder auch der landesweite Zugriff auf selbige bleiben Patienten und pflegenden Angehörigen derzeit verwehrt. Zu dieser Erkenntnis kommt die aktuelle „eHealth-Indikatoren-Studie-2017“ der TU Braunschweig, der Medizinischen Hochschule Hannover und der Gesundheitsuniversität UMIT in Hall, Tirol.

Wirtschaftsbrief Gesundheit sprach mit dem Co-Autor der Studie, Prof. Dr. Reinhold Haux, über die Ergebnisse und Implikationen. Das Interview führte: Thordis Eckhardt.


WIB: Prof. Haux, wie sieht der Status quo hinsichtlich der digitalen Patientenakte in Deutschland aus?

Prof. Haux: Wir haben uns in unserer eHealth-Indikatoren-Studie auf einen klar eingegrenzten Teilaspekt der digitalen Gesundheitsversorgung konzentriert – auf die Möglichkeiten der digitalen Erfassung von Gesundheitsdaten in die Krankenakte von Patienten und auf die Optionen eines landesweiten Zugriffs auf eben diese Daten durch unterschiedliche Akteure in der Gesundheitswirtschaft, Betroffene und Angehörige. Dieser Fragestellung gingen wir vergleichend in sieben Ländern nach. Mit dem Ergebnis, dass in Österreich und insbesondere in Deutschland Nachholbedarf besteht.


WIB: Zu welchen weiteren konkreten Ergebnissen kamen Sie?

Haux: Unserer Erkenntnis nach gibt es nicht den einen Ansatz, der zielführend für eine langfristige und nachhaltige eHealth-Umsetzung in den untersuchten Ländern wäre. Finnland, Südkorea, Schweden oder auch die USA haben die Digitalisierung ihrer Gesundheitsversorgung jeweils anders gelöst. Südkorea und Finnland beispielsweise schnitten bei den Indikatoren sehr gut ab, da von uns untersuchte Indikatoren wie Diagnose- oder Medikamentendaten zentral erfasst waren und Ärzte, Pflegekräfte und Apotheker flächendeckend auf die Patientenakten ihrer Patienten zugreifen konnten – das gleiche gilt für die Patienten selbst. Als einen wichtigen Einflussfaktor für diese Entwicklung haben wir identifiziert, dass es vor allem der klare politische Wille war, der in den betreffenden Ländern vorhanden ist und zur Umsetzung einer patientenzentrierten, einrichtungsübergreifenden Informationsverarbeitung führt.  


WIB: Wie steht es um den „klaren politischen eHealth-Willen“ der Deutschen Bundesregierung?

Haux: Die Studie zeigt: Deutschland hat eine grundsätzlich gute Gesundheitsversorgung. Sie hat in Bezug auf den wichtigen Aspekt der einrichtungsübergreifenden, patientenzentrierten, digitalen Informationsverarbeitung jedoch Nachholbedarf – ähnlich wie unser Nachbarland Österreich. Gleichwohl sehe ich uns auf dem richtigen Weg: Der Gesundheitsminister hat solide Ansätze und strebt eine Lösung über die Gesundheitskassen an.   WIB: Welche Schritte sind Ihrer Meinung nach notwendig, um eHealth in Deutschland voranzutreiben? Haux: Wenn ich das wüsste, hätten wir es in die Studie hineingeschrieben (lacht). An der Technik liegt es jedenfalls nicht; es ist alles vorhanden.  


WIB: Wie geht es jetzt weiter?

Haux: Ich bin Wissenschaftler, Frau Eckhardt. Meine Arbeit ist es unter anderem, durch Studien die Realität wiederzuspiegeln. Und beispielsweise aufzuzeigen, was für Patienten in der Praxis geht und was eben nicht. Diesen Status quo wollen wir fortführen, durch eine jährliche Fortschreibung der Indikatoren-Studie. Aktuell arbeiten wir an der Ausgabe für den Sommer 2019, darin haben wir unter Beibehaltung der Indikatoren eine Erweiterung der untersuchten Länder vorgenommen – es werden diesmal alle Kontinente vertreten sein. Im erneuten Vergleich wird sich zeigen, welche Veränderungen innerhalb eines Jahres stattgefunden haben.


WIB: Prof. Haux, ich danke Ihnen für das Gespräch.