Pflege, Reha & Soziales

Exklusive Interviews

Berlin,  20. Juni 2017


Interview Jörg Lüssem | Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. | Synergie-Management

"Johanniter-Unfall-Hilfe intensiviert strategische Partnerschaften und erschließt neue Kundensegmente"

Die Zukunft der Gesundheitswirtschaft ist digital – und vernetzt: Unternehmen kooperieren branchenübergreifend und entwickeln neue, integrierte Geschäftsmodelle. Die Johanniter-Unfall-Hilfe, eine der größten Hilfsorganisationen Europas, setzt dabei auf interne Synergien, auf externe Partnerschaften und auf ganzheitliche Strategiekonzepte.

Wirtschaftsbrief Gesundheit sprach mit dem Mitglied des Bundesvorstands Johanniter-Unfall-Hilfe e. V., Jörg Lüssem, über die Positionierung der Zukunft.

Das Interview führte Thordis Eckhardt.


WIB: Welche Rolle nimmt das Thema Synergie-Management intern in der Johanniter-Unfall-Hilfe aktuell ein?

Jörg Lüssem: Die Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. (JUH) setzt bereits seit Anfang 2000 einen festgelegten Strategiezyklus um. Neben der Auseinandersetzung mit den langfristigen strategischen Zielen der Organisation werden erreichbare Jahresziele für alle Ebenen und Bereiche definiert und umgesetzt. Insofern ist die Strategiearbeit des Vorstandes keine in diesem Sinne aktuelle, sondern vielmehr eine über das Regeljahr kontinuierliche Aufgabe.

Derzeit befinden wir uns, basierend auf dem in Satzung und Leitbild formulierten Selbstverständnis, im sogenannten Strategiezyklus 2020. Hier wurden für die gesamte Organisation durch einen partizipativen Prozess über alle Hierarchieebenen acht strategische Kernziele festgelegt, die jetzt gemeinsam von allen erfolgreich umgesetzt werden müssen. Um aktuellen Entwicklungen gerecht zu werden, werden die Ziele jährlich durch den Bundesvorstand überprüft und in die operativen Jahresziele übersetzt.  


WIB: Worin genau zeichnet sich das Synergie-Management bei Ihnen aus?

Jörg Lüssem: In der Versorgung von betreuungsbedürftigen und kranken Menschen besteht die Herausforderung in den immer knapper werdenden Ressourcen. Nicht nur gute und engagierte Mitarbeiter, auch das Geld wird in der Pflege zukünftig knapper. So sind die Ausgaben in der sozialen Pflegeversicherung in den vergangenen sechs Jahren um rund 30 Prozent gestiegen, während sich im gleichen Zeitraum die Zahl der potenziellen Beitragszahler um 1,5 Prozent verringerte – Tendenz weiter fallend.

Der Arbeitskräftemangel und die demografische Entwicklung lassen in Zukunft eine Situation erwarten, die eine Absenkung der Betreuungsintensität sowie eine stärkere Nutzung technischer und organisatorischer Veränderungen deutlich beschleunigen könnte.

Vor diesem Hintergrund verstärken wir in verschiedenen Projekten den gegenseitigen Leistungsaustausch und die Vernetzung über die Versorgungssektoren ambulant und stationär hinweg, innerhalb des Johanniterverbundes und mit vielen unserer Partner. Zudem gilt es, die Ressourcen aus dem gesellschaftlichen Netzwerk zu aktivieren und noch besser zu nutzen. Das bedeutet, zusätzliche familiäre und ehrenamtliche Potenziale zu gewinnen, zu binden und in die Versorgungs- und Betreuungskette zu integrieren.

Übersetzt in strategische Ziele verfolgt die Johanniter-Unfall-Hilfe die „Aus-einer-Hand-Idee“. Viele Kernleistungen aus einer Hand anzubieten, bedeutet den weiteren Ausbau der bereits bestehenden Versorgungskette. Gemeint ist die Verknüpfung von Leistungen wie Sturzprophylaxe, Wohnraumberatung, Notrufdiensten, Ambulanter Pflege, Betreutem Wohnen bis zur stationären Versorgung entsprechend der angenommenen und benötigten Hilfsbedarfe unserer Kunden.


WIB: Worin besteht die größte Herausforderung des Synergie-Managements bei der Jo-hanniter-Unfall-Hilfe?

Jörg Lüssem: Die größte Herausforderung für eine der größten Hilfsorganisationen Europas besteht darin, die über 20.000 hauptamtlichen und mehr als 35.000 ehrenamtlichen Mitarbeiter kontinuierlich in die Veränderungs- und Innovationsprozesse einzubeziehen. Unter anderem nutzen wir hierfür seit dem letzten Jahr das Format der sogenannten Fachtage. Die Idee besteht darin, dass über verschiedene Hierarchieebenen hinweg unsere Mitarbeiter und Fachexperten bundesweit zusammenkommen. Es erfolgt der Austausch von Erfahrungen, Konzepten und Innovationen auf der Praxisebene. Die Teilnehmer lernen sich kennen, kommen ins Gespräch und vernetzen sich.  

Die ersten Erfahrungen zeigen, dass sich durch den intensiven Austausch aus der Organisation her-aus unsere Leistungen und Prozesse kontinuierlich verbessern. Die Fachtage werden um Innovationstage ergänzt. Hier sind Mitarbeiter aus allen Bereichen eingeladen, sich aktiv an der Mitgestaltung unserer Zukunft zu beteiligen. Wo und wie sehen sie die JUH? Wie können wir uns noch klarer positionieren? Wo wollen wir hin? Was müssen, wollen und können wir besser machen? Welche neuen Geschäftsfelder wollen wir erschließen? Begleitet werden diese Workshops durch externe Moderatoren, die zur Orientierung beiseite stehen. Zum Abschluss der Innovationstage werden die Ideen und Ergebnisse den Vorständen präsentiert und können ganz konkret in den Strategiezyklus einfließen. Unsere Mitarbeiter werden so ins Denken und Handeln einbezogen, als wären sie für ihr eigenes Unternehmen tätig.  


WIB: An welchen konkreten Synergie-Projekten arbeiten Sie aktuell?

Jörg Lüssem: Wir arbeiten in verschiedenen Projekten mit in- und externen Partnern am stetigen Auf- und Ausbau unserer bundesweiten Versorgungskette und unserer Unterstützungs- und Hilfeleistungen. Darüber hinaus sind wir an über zwanzig drittmittelfinanzierten Forschungsvorhaben beteiligt.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe ist als Hilfsorganisation führend in der Forschung und Entwicklung im Bereich "Mensch Technik on". Ziel dieser Forschung ist es, soziale und technische Innovationen, welche die Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen verbessern sollen, zu entwickeln. Gemeint ist damit, dass neue oder bereits bestehende Technologien besser dazu genutzt werden, das alltägliche Leben älterer und auch benachteiligter Menschen situationsabhängig zu unterstützen. Dabei sollen die Technologien möglichst unauffällig sein.

Wir verstehen uns dabei als Schnittstelle zwischen der neu entwickelten Technik und dem Menschen. Die Aufgabe der Johanniter ist es dabei, die potenziellen Nutzer dieser technischen Innovationen und Geschäftsmodelle von Anfang an mit in die Entwicklung einzubeziehen, um nicht an den tatsächlichen Bedarfen vorbei zu entwickeln. Entsprechend müssen und sollen unsere Kunden, unsere 123 ambulanten Pflegedienste und unsere 109 Standorte des betreuten Wohnens in einen ständigen Dialog eingebunden sein.  

Neben Forschung und Entwicklung steht die Optimierung unserer Betriebsprozesse im Mittelpunkt unseres Handels. Wichtige Schritte sind beispielsweise die Umsetzung der QM-Zertifizierung unserer Prozesse, die Digitalisierung von Kundenverträgen, Harmonisierung von Preisen und Leistungen, onlinebasierte Aus- und Weiterbildungen oder Systematisierung unseres Lieferantenmanagements.  


WIB: Wie wird die Johanniter-Unfall-Hilfe strukturell im Jahr 2020 aussehen und welche Geschäftsfelder werden möglicherweise hinzugekommen sein?

Jörg Lüssem: An erster Stelle steht für uns der Wille, uns entwickeln und damit strukturell verändern zu wollen. Wir streben keine Bauchnabelschau an, sondern wir analysieren die Bedürfnisse unserer Kunden und Zielgruppen und richten unsere Leistungen und Geschäftsfelder daran aus. Zudem investieren wir kontinuierlich in Forschung und Entwicklung, schaffen systematisch neue Angebote und befähigen kontinuierlich unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.    

Konkret werden verschiedene Geschäftsfelder in den kommenden Jahren eine stärkere Bedeutung für die JUH einnehmen: Bestehende telemedizinische Dienstleistungen für Endkunden und Partner möchten wir ausbauen. Bereits erarbeitete Konzepte werden wir in Modellregionen, die momentan ausgewählt werden, implementieren. Der Bedarf beim alters- bzw. pflegerechten Wohnen ist schon heute deutlich höher als das Angebot. Die Nachfrage wird sich in den kommenden Jahren noch zuspitzen. Die Johanniter-Unfall-Hilfe wird neue Betreuungs- und Wohnformen wie beispielsweise pflegenahes Wohnen sowie neue mobile Sicherheits- und Assistenzsysteme für unterwegs oder das eigene Zuhause weiter erschließen.

Durch Intensivierung von strategischen Partnerschaften und Kooperationen erschließen wir neue Kundensegmente. Die Kooperationen beinhalten unter anderem den Auf- und Ausbau gemeinsamer digitaler Vertriebsplattformen oder die Entwickelung neuer Produkte und Dienstleistungen wie beispielsweise eine neuartige Versicherung für die pflegerische Vorsorge.    


WIB: Welche Rolle werden die Johanniter und die Johanniter-Unfall-Hilfe im deutschen Gesund-heitsmarkt der Zukunft einnehmen?

Jörg Lüssem: Ganz grundsätzlich wollen wir in unserem aktuellen Strategiezyklus bis 2020 DIE Hilfsorganisation im öffentlichen Bewusstsein sein. Konkret verstehen wir darunter, dass Politik, Verwaltung, Geschäftspartner, aber auch potenzielle Kunden bezogen auf unsere Handlungsfelder zuerst an uns denken, uns aktiv ansprechen und in ihre Überlegungen miteinbeziehen. Darauf sind unsere strategischen Ziele und die operativen Schwerpunkte für die nächsten Jahre ausgerichtet.


WIB: Herr Lüssem, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Bild: @ Johanniter-Unfall-Hilfe e. V.