Pflege, Reha & Soziales

Exklusive Interviews

Berlin,  12. Juli 2017


Interview Hirotaka Furukawa | Botschaft Japan | Attaché für Gesundheit und Soziale Sicherung | Japanisches Pflegeversicherungssystem

„Japan ist bereits in die Überalterung der Gesellschaft eingetreten.“

Im internationalen Vergleich stellt der demografische Wandel vor allem Japan vor wachsende Herausforderungen: Wie in kaum einem anderen Land schrumpft die Bevölkerung in hohem Maße – von rund 130 Millionen Menschen im Jahr 2014 auf prognostizierte rund 87 Millionen im Jahr 2060.

Wirtschaftsbrief Gesundheit (WIB) sprach mit dem I. Botschaftssekretär der Botschaft von Japan, Hirotaka Furukawa, über das aktuelle Pflege- und Krankenversicherungssystem und über die Zukunft der Gesundheitsversorgung im Land der aufgehenden Sonne.

Das Interview führte Thordis Eckhardt.


WIB: Welche Gründe haben Japan bewogen, das im Jahr 2000 eingeführte Pflegeversicherungssystem ähnlich aufzubauen wie das Krankenversicherungssystem?

Hirotaka Furukawa: Lassen Sie uns hierzu einen kurzen Blick auf das bisherige Sozialsystem in Japan richten: Vor der Einführung des Pflegeversicherungssystems waren die Sozialleistungen in Japan in „Wohlfahrt“ und „medizinische Versorgung“ unterteilt. Bei ersterer handelte es sich um stationäre Pflegeleistungen in Pflegeeinrichtungen sowie um die häusliche Pflege durch Altenpflegepersonal oder um die Tages- und Kurzzeitpflege. Die "Medizinische Versorgung" umfasste die Rehabilitation in Reha-Einrichtungen und die Behandlung chronisch Erkrankter in Krankenhäusern sowie die häusliche Pflege durch Krankenpflegepersonal und Tagesrehabilitation.

Das Problem an diesem System ist, dass bei den Sozialleistungen bei der "Wohlfahrt" beispielsweise die Patienten nicht selbst über Leistungen entscheiden konnten. Die Kommunen haben die Art der Leistungen und die Leistungsträger festgelegt. Allerdings gab es bei den verschiedenen Trägern nur geringfügige Unterschiede.

Um Leistungen beziehen zu können, musste zunächst ein Nachweis über das Einkommen aller im Haushalt eines Patienten lebenden Familienmitglieder erbracht werden (Einkommensprüfung). Weil man aber nur ungern Auskunft über sein Einkommen erteilt, haben die meisten Patienten keine Leistungen in Anspruch genommen. Und da der Eigenanteil der Patienten abhängig vom Einkommen war, wurden zudem Bezieher mittlerer und hoher Einkommen benachteiligt.

Ähnlich sieht des bei den Leistungen der Medizinischen Versorgung aus: Grundsätzlich konnten Patienten zwar selbst über die Versorgung entscheiden, allerdings gab es hier andere Probleme: Das Angebot an Reha-Einrichtungen, an häuslicher Pflege durch Krankenpflegepersonal und an Tagesrehabilitation war in einigen Regionen nicht ausreichend gewährleistet bzw. es gab große regionale Unterschiede. Die Behandlungskosten wiederum für chronisch Erkrankte aus Haushalten mit mittlerem oder hohem Einkommen waren in Krankenhäusern niedriger als in Pflegeeinrichtungen. Die Patienten haben also die Krankenhäuser bevorzugt, wofür diese aber nicht ausgerichtet waren; sie hatten zu kleine Zimmer, oft kein Bad und auch kein Esszimmer.

Um diese Probleme zu lösen, hat Japan die japanischen Pflegeversicherung eingeführt. Patienten können jetzt selbst entscheiden, welche Leistungen sie erhalten möchten. Die "Pflege nach dem Prinzip der Reha-basierten Unterstützung der Patienten" fördert den Erhalt der Selbstständigkeit der Patienten. Mit Hilfe des Sozialversicherungssystems wird ein ausgewogenes Verhältnis von Leistungen und finanzieller Belastung der Patienten gewährleistet, welches beitragsgesteuert ist. Das stärkt zudem den Wettbewerb zwischen den Kommunen.


WIB: Welche Übereinstimmungen und Unterschiede existieren in Japan zwischen dem Pflegeversicherungs- und dem  Krankenversicherungssystem?

Hirotaka Furukawa: Das japanische Pflegeversicherungssystem ist ähnlich wie das japanische Krankenversicherungssystem aufgebaut. Deshalb finden sich zahlreiche Parallelen: Basis ist das Sozialversicherungssystem, das sich durch nach Einkommen gestaffelte Sozialversicherungsbeiträge finanziert. Darüber hinaus gelten das Sachleistungsprinzip und die Versicherungspflicht für Arbeitnehmer.

Allerdings gibt es auch signifikante Unterschiede: In der Krankenversicherung (KV) sind alle Staatsbürger versichert. Die Pflegeversicherung (PV) hingegen greift erst bei den über 40-Jährigen. Die  Krankenversicherung wiederum wird getragen von den Krankenkassen und den Kommunen. Als Versicherer der Pflegeversicherung hingegen treten allein die Kommunen auf. Auch ist der Ermessensspielraum für die Versicherer sehr unterschiedlich in der KV ist er relativ klein; alle Versicherer erbringen nahezu die gleichen Leistungen. Innerhalb der Pflegeversicherung sieht das anders aus: Hier können die Versicherer  also die Kommunen eigene Leistungen anbieten.


WIB: Warum sind die Kommunen Träger der Pflegeversicherung?

Hirotaka Furukawa: Dafür gibt es drei Gründe: Zum einen die Stärkung des Wettbewerbs zwischen den Kommunen. Es gibt so gut wie keine Unterschiede zwischen den Leistungen der Kommunen und somit auch keinen Anreiz für Verbesserungen. Daher wurde beschlossen, dass die Kommunen auch eigene Leistungen anbieten können.

Ein weiterer Punkt sind die alltäglichen Leistungen: Die Kommunen können alle notwendigen Leistungen vor Ort anbieten und überprüfen.

Der dritte Grund betrifft die Japanische Verwaltungsreform: Japan ist eine sogenannte zentralisierte Nation. Im Parlament gibt es andauernde Diskussionen darüber, wie das Verwaltungssystem reformiert werden kann. Mit der Verwaltungsreform sollen Rechte und Einfluss vom Staat auf die einzelnen Regionen übertragen werden. Zur Refom des Sozialsystems muss das Parlament zunächst prüfen, ob die Kommunen die Aufgaben des Staates übernehmen können, wie es bei der Pflegeversicherung bereits der Fall ist.


WIB: Besteht bei diesem System nicht die Gefahr, dass Bewohner der einen Kommunen einfach in eine andere Kommune umziehen, wo die Leistungen umfangreicher oder besser sein könnten?

Hirotaka Furukawa: Darüber gab es so gut wie keine Diskussionen. Im Vordergrund stand die Stärkung des Wettbewerbs zwischen den Kommunen.


WIB: Was bewog Japan, ein Sachleistungsprinzip bei den Pflegeleistungen einzuführen – anstelle eines Pflegegeldes wie in Deutschland?

Hirotaka Furukawa: In Japan gilt für die Pflegeversicherung folgendes Prinzip: Für die Pflege ist nicht nur die Familie, sondern die Gesellschaft zuständig. Priorität hat die Vergabe sozialer Pflegeleistungen. Und Pflegeleistungen sind zweckgebunden und sollen als Sachleistungen gewährt werden. Mit dem Ziel, steigende Ausgaben in der Pflegeversicherung, beispielsweise durch Leistungsmissbrauch, zu verhindern.

Aus diesen Gründen kann die Regierung nicht Geldleistungen in die Pflegeversicherung einführen, ohne das Pflegeversicherungsgesetz zu reformieren. Es wird jedoch lebhaft darüber diskutiert, ob wie in Deutschland ein Pflegegeld eingeführt werden soll.


WIB: Die Revisionsrate der Gebührenordnung machte insgesamt zweimal  – zwischen den Jahren 2006 (-0,5 %) und 2009 (+3,0 %) sowie zwischen den Jahren 2012 (+1,2 %) und 2015 (-2,27 %) – jeweils einen gewaltigen Sprung. Wie ist das zu erklären?

Hirotaka Furukawa: Die Revisionsrate der Gebührenordnung hängt klar von der jeweiligen Regierungspartei ab. In den Jahren zwischen 206 und 2009 regierte in Japan die Freie Demokratische Partei (FDP). Ihr folgte in 2012 die Sozialdemokratische Partei und im Jahr 2015 erneut die FDP.


WIB: Stichwort Innovation: Japan ist führend im Einsatz von Assistiven Robotern, unter anderem in der Hotellerie und in Servicebranchen. Wie weit verbreitet ist der Einsatz von Roboter in Pflegeeinrichtungen oder Kliniken?

Hirotaka Furukawa: Zunächst hat die Wirtschaft – von der Autoindustrie bis hin zur Gesundheitsindustrie – in Eigeninitiative auf den demografischen Wandel reagiert und wurde schließlich auch von der japanischen Regierung unterstützt, die den künftigen Herausforderungen, unter anderem durch Innovationen in der Gesundheitsindustrie, zu begegnen versucht.

Die Weiterentwicklung der Robotertechnik wird von der japanischen Regierung unterstützt durch staatliche Zuschüsse zu den Forschungs- und Entwicklungskosten, durch regionale Zuschüsse bei Einführung in Pflegeeinrichtungen und mittels Erstattungen der Kranken- und Pflegeversicherung.

Exemplarische Beispiele für den Robotik-Einsatz in der Pflege finden Sie unter: http://www.silver-w.jp/robot/robot.html und unter http://www.kanjinkai.net/kaigorobot.


WIB: Wagen Sie bitte eine Prognose: Welchen Anteil werden Assistive Roboter zukünftig im Gesundheitswesen Japans einnehmen?

Hirotaka Furukawa: In Japan gibt es einen deutlichen Fachkräftemangel im Pflegebereich mit im Vergleich mehr als doppelt so vielen unbesetzten Stellen als in anderen Bereichen. Aus diesem Grund muss der Einsatz von Pflegerobotern vorangetrieben werden, obwohl viele Ältere es bisher ablehnen, von Robotern versorgt zu werden.


WIB: Herr Furukawa, wir danken Ihnen für das Interview.


@ Bilder: Hirotaka Furukawa