Pflege, Reha & Soziales

Forschung & Entwicklung

Münster,  01. Februar 2016


Erstes Forschungsprojekt zur Arzneimitteltherapie in Altenheimen

Interdisziplinäres Versorgungsforschungs-Projekt: Ein Forscherteam der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU), Salzburg hat das zweijährige Projekt Intherakt gestartet. Ziel der Untersuchung ist die Entwicklung einer verbesserten Arzneimitteltherapie in Altenheimen. Untersuchungsgruppe sind neun Münsteraner Altenheime in Zusammenarbeit mit 14 heimversorgenden Hausärzten und elf Apotheken. Die Projektkooperation soll zu einer verbesserten Kommunikation und Kooperation zwischen den beteiligten Berufsgruppen - Pflegende, Hausärzte und Apotheker - beitragen und das Auftreten unerwünschter Arzneimittelereignisse (UAE) reduzieren.

„Bisher gibt es nur wenige Daten zur Arzneimittelsicherheit in Altenheimen“, sagt Projektleiter Prof. Dr. Jürgen Osterbrink. „Aber wir wissen, dass Heimbewohner in Deutschland durchschnittlich 3,6 verschiedene Arzneistoffe pro Tag einnehmen. Dreizehn Prozent der Bewohner bekommen sogar über 60 Verordnungen pro Jahr. Kein Wunder, dass medikamentöse Nebenwirkungen in Altenheimen an der Tagesordnung sind.“ Eine Untersuchung aus elf Altenheimen in NRW mit knapp achthundert Heimbewohnern zeige eine Rate von gut zehn Prozent an UAE, so der Leiter des Institutes für Pflegewissenschaft und -praxis an der PMU.

Der hohe Verbrauch an Medikamenten in Altenheimen hat auch für die Bewohner nicht selten gravierende Folgen. „Wir wissen, dass bei älteren Menschen rund zehn Prozent aller Krankenhauseinweisungen aufgrund unerwünschter Arzneimitteleffekte erfolgen“, berichtet Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Rund die Hälfte dieser Einweisungen sei vermeidbar.

Die Pharmakotherapie sei einerseits ein Segen, andererseits jedoch auch ein Hochrisiko-Prozess – gerade bei älteren Menschen mit ihrem veränderten Stoffwechsel, beschreibt der Vorstand des Hausärzteverbundes Münster, Dr. Ralf Becker, die Patientengruppe. "Der Gesundheitszustand der Bewohner von Altenheimen ist generell meist schlecht. Die meisten Patienten sind über 80 Jahre alt und oft in einer verminderten körperlichen und geistigen Verfassung." Rund die Hälfte leide an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa ein Drittel unter Demenz und bei 17 Prozent ist eine manifeste Depression diagnostiziert.“ Auch Schmerzen und Inkontinenz seien typische behandlungspflichtige Krankheitsbilder, die eine medikamentöse Behandlung erforderten. Rund 40 Prozent der Bewohner hätten zudem gleichzeitig mehrere therapiepflichtige Erkrankungen.

„Wir wissen aus Erfahrung, dass schon kleine Informationsbrüche oder Missverständnisse zwischen den beteiligten Berufsgruppen ausreichen, um die Medikation negativ zu beeinflussen“, berichtet Prof. Osterbrink. „Hier werden wir ansetzen: Mit gezielten Schulungen zur Arzneimitteltherapiesicherheit, der Entwicklung der Intherakt-online-Kommunikationsplattform, die eine strukturierte Prüfung der Medikation der Patienten ermöglicht, mit Fallkonferenzen bei besonders komplexen Fällen und einer Anpassung der Medikation im Bedarfsfall.“ Alle Projektschritte und Ergebnisse werden evaluiert und dokumentiert; die Hausärzte, Apotheker und Pflegende in die Kommunikation mit einbezogen.

Geplant und organisiert wird das Projekt von der PMU. Beteiligt sind der Hausärzteverbund Münster, die Apothekerkammer Westfalen-Lippe und die Arbeitsgemeinschaften der münsterschen Altenheime. Sie kooperieren mit der Barmer GEK, der Stadt Münster, der Bezirksregierung Münster und der Facharztinitiative Münster. Gefördert wird das Projekt von PMU, Grünenthal GmbH und dem Land Salzburg.

 

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