MedTech

Märkte & Unternehmen

Zürich,  12. Oktober 2015


Schleppendes Wachstum in der internatiobnalen MedTech-Branche

Langsames Umsatzwachstum: Die Medizinaltechnik-Branche in Europa und in den USA wuchs in 2014 nur moderat um zwei Prozent auf 341,8 Mrd. US-Dollar. Das ist das Ergebnis der Studie "Pulse of the Industry: medical techology report 2015" des Beratungs- und Prüfungsunternehmens Ernst & Young (EY). Damit setze die Branche hier weiterhin nur langsames Umsatzwachstum der vergangenen fünf Jahre fort. Die Ausgaben für Forschung und Entwick­lung legten indes um sechs Prozent zu. Fast verdoppelt hat sich das Volumen der neuen Finanzierungen zwischen Juli 2014 und Juni 2015. Gleichzeitig trieben die Unternehmen Fusionen und Übernahmen auf einem hohen Niveau voran.

Die Zahlen geben Anlass zur Sorge; die Branche müsse in Zukunft den Wert ihrer Produkte noch besser darlegen können, kommentiert Jürg Zürcher, Life Science Leader Switzerland bei EY. Besonders herausfordernd sei die Situation für Start-ups, unter anderem weil die Risikokapitalgeber sich abwendeten und Unsicherheiten bezüglich Kostenübernahme durch die Krankenkassen bestünden.

Moderates Wachstum und Konsolidierung
Die US-amerikanischen Medizintechnikkonzerne (+3%) konnten ihre Umsätze mit einem Plus von drei Prozenz deutlich stärker steigern als ihre europäischen Pendants, die ein Wachstum von einem Prozent hinlegten. Auch stockten die US-amerikanischen Unternehmen ihren Personalbestand vorsichtiger auf (+1%) als die Europäer (+4%). Insgesamt arbeiteten Ende des Jahres 2014 im MedTech-Sektor 678.500 Menschen; das waren zwei Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Dagegen zogen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung weiter an – 14,3 Milliarden US-Dollar und damit sechs Prozent mehr erhielten die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen (Vorjahr +7%). Damit sind die Mittel seit 2009 jedes Jahr gestiegen. Das Tempo gaben auch hier die Unternehmen in den USA vor mit einem Wachstum um sieben Prozent. In Europa waren es im Vergleich dazu lediglich drei Prozent. Jürg Zürcher: "Investitionen in erfolgreiche Innovationen sind nach wie vor ein zentraler Erfolgsfaktor der Branche. Die Unternehmen müssen den Patienten, die ihre Prothesen, Implantate und Diagnosegeräte anwenden, den Versicherungen und dem Staat, die einen Grossteil der Kosten tragen, sowie ihren Investoren glaubhaft vermitteln, welchen Nutzen diese Innovationen haben und welchen Mehrwert sie schaffen." Dies werde gerade vor dem Hintergrund strengerer Vorschriften für den Markteintritt in den USA noch wichtiger. Die Branche werde sich zudem nicht ewig auf ein positives Zinsumfeld verlassen können.

Börsengänge als wichtige Kapitalquelle
Das Finanzierungsvolumen in dem im Juni 2015 endenden Zwölfmonatszeitraum beträgt fast 50 Milliarden US-Dollar – und hat sich damit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum knapp verdoppelt. Getrieben wurde diese Entwicklung insbesondere durch die historisch niedrigen Zinsen, die vor allem reifere Unternehmen für umfangreiche Finanzierungen mittels Fremdkapital wie Kredite nutzen konnten. Das hat alleine das Volumen an Kreditaufnahmen von 19,8 Milliarden US-Dollar auf 40,8 Milliarden US-Dollar hochschnellen lassen. Weiter war die Rekordsumme für Börsengänge zwischen Juli 2014 und Juni 2015 in Höhe von 2,3 Milliarden US-Dollar eine sehr erfreuliche Nachricht für die Branche – eine Steigerung gegenüber dem vorhergehenden Zeitraum um 57 Prozent.


Anteil am gesamten Wagniskapitel gesunken
Die Mittel für Start-ups stagnieren dagegen seit Jahren unterhalb der Fünf-Milliarden-Dollar-Marke und gingen im untersuchten Zeitraum leicht um 2,5 Prozent auf 4,7 Milliarden Dollar zurück. Dieser Trend erschwert es Start-ups im Anfangsstadium, Mittel zu erhalten. In einem Umfeld, in dem weltweit über alle Industrien hinweg so viel Venture Capital wie nie zuvor zur Verfügung steht, stagniert ausgerechnet der Venture-Capital-Markt für Medizintechnik­unternehmen. 2014 konnte sich die Medizintechnikbranche nur noch 5,9 Prozent vom Venture-Capital-Kuchen sichern. Seit dem Jahr 2008 und 2009, als die Branche noch 12,7 Prozent verbuchen konnte, ist der Anteil Jahr für Jahr gesunken. Insgesamt kamen zwischen Juli 2014 und Juni 2015 knapp 4,5 Milliarden US-Dollar an – 6,4 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. "Investoren wenden sich wieder mehr dem zurzeit attraktiveren Biotech-Sektor zu. Gerade in den frühen Stadien haben Start-ups grosse Probleme, frisches Kapital zu erhalten. Die Folge: Wenige, vielversprechende Start-ups erhalten grössere Teile vom Kuchen", sagt Zürcher.


Mehr Transaktionen aufgrund des niedrigen Zinsniveaus
Dass die Medizintechnikunternehmen Zugriff auf so viel Fremdkapital wie nie zuvor hatten, befeuerte auch den M&A-Markt: Alleine Medtronic konnte sich zur Finanzierung der im Januar 2015 beendeten Übernahme von Covidien 17 Milliarden US-Dollar sichern. Weitere 18 Milliarden US-Dollar sicherten sich Becton Dickinson, Zimmer und Boston Scientific für Übernahmen. Damit vereinten die vier Unternehmen alleine über 85 Prozent des gesamten Fremdkapitals auf sich. Die gesamten Aktivitäten haben jedoch nachgelassen: Das Volumen ging im Zwölfmonatszeitraum bis Ende Juni 2015 um 31 Prozent auf 58,4 Milliarden US-Dollar zurück. Allerdings verzerrt der Megadeal von Medtronic im Vorjahr die Statistik. Ohne diesen Deal und ohne Berücksichtigung entsprechender Megadeals aus 2015, beispielsweise Danaher und Pall oder Becton Dickinson und CareFusion) steigt das Volumen im Jahr 2014/15 im Vergleich um robuste 13 Prozent. Züricher: "Der M&A-Markt wurde zusätzlich getragen von den Bemühungen vieler Big Player, ihre Geschäftsausrichtung stärker zu fokussieren und sich deshalb von Teilen ihrer Medizintechnik zu trennen." Insgesamt stand wieder viel Geld zur Verfügung – allerdings verteilt es sich auf immer weniger Akquisitionen: "Käufer konzentrieren sich auf grössere und teurere, dafür aber reifere Unternehmen. Sie können im Idealfall mit bereits erfolgreichen Produkten zum Wachstum des Gesamtkonzerns beitragen."


Bilder: EY