Immobilien & Gesundheit

Forschung & Entwicklung

Dresden,  21. März 2015


VSWG-Studie: Gesundheitsstandort Wohnung ist kostengünstiger als stationäre Unterbringung

Eine volkswirtschaftliche Analyse zeigt: Der Gesundheitsstandort Wohnung ist in der Regel kostengünstiger als eine stationäre Unterbringung.

Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Städtebau der Zukunft: Selbstständiges Wohnen bis ins hohe Alter – eine volkswirtschaftliche Analyse" vom Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e. V. (VSWG) in Kooperation mit dem Gesundheitsökonomischen Zentrum (GÖZ) der TU Dresden und ATB Arbeit, Technik und Bildung, Chemnitz. Sie hatte im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums des Innern die unterschiedlichen ambulanten und stationären Wohn- und Versorgungsformen volkswirtschaftlich analysiert. Mit dem Ziel, zukünftige Anforderungen an eine bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung bis zum Jahr 2050 aufzuzeigen. Unter der Voraussetzung einer optimalen und nachhaltigen Verteilung der notwendigen ambulanten und stationären Wohn- und Versorgungsformen und im Rahmen eines effektiven Städtebau- und Stadtentwicklungsprogramms.

Im Fokus der Untersuchung standen drei Bevölkerungsgruppen: ältere Menschen ohne Pflege SGB V, ohne Pflege SGB XI und ohne Demenz – also der „fitte“ Rentner –, ältere Menschen mit Bedarf an Pflege SGB V und SGB XI und ohne dementielle Erkrankungen und ältere, an Demenz leidende Menschen mit Bedarf an Pflege SGB V und SGB XI.


Studienergebnisse

Als kostenintensivste Faktoren stellen sich die Betreuung von Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz und die Berücksichtigung der Kosten für Leistungen der häuslichen Krankenpflege nach SGB V dar. Bleiben Aufwendungen für Leistungen der häuslichen Krankenpflege (HKP) unberücksichtigt, ist eine stationäre Unterbringung nur in den Fällen um 14 bzw. 25 Euro monatlich kostengünstiger, in denen die betreffenden Personen Pflegestufe 2 mit eingeschränkter Alltagskompetenz haben und in einem Ein-Personen-Haushalt leben, unabhängig vom Anspruch auf Grundsicherung. „Alle anderen Pflegestufen und Haushaltsformen zeigen eine vorteilhaftere häusliche Versorgung“, so Prof. Dr. Alexander Karmann, Seniorprofessor des Gesundheitsökonomischen Zentrums. Hierbei wurde bereits mit einem durchschnittlichen Mietpreis von sieben  Euro pro Quadratmeter kalkuliert, um barrierearme Wohnungen mit technischen Assistenzsystemen auszustatten. Bei entsprechend niedrigeren Mieten ergäbe sich eine noch vorteilhaftere häusliche Versorgungssituation.


Der heutige Mindestgesamtbedarf an barrierearmen Wohnungen in Sachsen kann damit – allein aus den Zahlen für pflegebedürftige Personen – mit rund 93.000 Wohnungen angegeben werden. Die Forderung nach einem weiteren Sofortausbau zur Schaffung von etwa insgesamt 100.000 barrierearmen Wohnungen in Sachsen scheint angesichts des Interesses auch jüngerer, noch nicht pflegebedürftiger Personen realistisch. Langfristig ist mit einem weiter steigenden Bedarf an barrierearmen Wohnungen zu rechnen: denn bis 2050 wird gemäß Status-Quo-Szenario die Anzahl der Personen, die pflegebedürftig sind und nicht stationär untergebracht werden können, um über 50 Prozent steigen. Darüber hinaus haben auch Personen, die älter als 65 Jahre sind und keine Pflegebedürftigkeit aufweisen, den Wunsch, in einer barrierearmen Wohnung zu leben. Perspektivisch wird damit ein möglichst langer Verbleib in der eigenen Häuslichkeit auch bei Pflegebedürftigkeit gesichert, ohne dass ein Umzug nötig wird. „Wir nehmen an, dass der tatsächliche Bedarf an barrierearmem Wohnraum den dargestellten Minimalbedarf noch übersteigt“, so Dr.Michael Uhlmann, Geschäftsführer ATB Chemnitz.

Der Ausbau der stationären Versorgung von 2011 mit 45.815 Betten bis zum Jahr 2050 wird unverändert mit einer Schaffung von 987 zusätzlichen Betten pro Jahr veranschlagt. Das bedeutet eine Kapazitätszunahme der stationären Versorgung um rund 90 Prozent auf 85.000 Betten. Sollte der Ausbau der stationären Versorgung  geringer ausfallen, würde sich der Bedarf an ambulanten barrierearmen Wohnformen weiter erhöhen.

Die Schaffung barrierearmen Wohnraums und der Einsatz technischer Assistenzsysteme innerhalb der Quartierskonzepte ermöglichen entsprechend der Ziele des Quartiersansatzes eine Optimierung der professionellen Pflege durch die regionalen ambulanten Anbieter von Pflegeleistungen, die Unterstützung der Pflegebedürftigen innerhalb des Quartiers und eine bessere Nutzung der Infrastruktur.

„Gleichzeitig steht Pflegebedürftigen ab diesem Jahr für Verbesserungen ihres Wohnumfeldes deutlich mehr Geld zur Verfügung. Statt bislang rund 2.500 Euro sind es aktuell bis zu 4.000 Euro Zuschuss je Umbaumaßnahme. Das bedeutet für die Betroffenen eine erhebliche finanzielle Entlastung. Bedarfsgerechte Umbaumaßnahmen ermöglichen das Führen eines selbstbestimmten Lebens in den eigenen vier Wänden, so lange wie möglich. Das ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung“, sagt Paul Friedrich Loose, Landesgeschäftsführer der BARMER GEK in Sachsen.

Eine veränderte Strategie für den Städtebau der Zukunft ist erforderlich, um diesen Herausforderungen begegnen zu können. Die Schaffung von mehr barrierefreiem und -armem, bezahlbarem Wohnraum mit integrierten Versorgungssettings für eine wachsende Zahl von älteren Menschen mit unterschiedlichen Wohnwünschen wird nicht durch einzelne Maßnahmen zu bewerkstelligen sein. Weder mit einzelnen Fördermaßnahmen, noch mit der Erprobung einzelner Modellmaßnahmen wird man diese zukünftigen Anforderungen bewältigen können. Auch kann diese Aufgabe nicht allein von der Wohnungswirtschaft umgesetzt werden.

„Beim Thema Wohnen kulminiert sehr vieles. Die Wohnung soll das Klima retten, Gesundheitsstandort sein, Pflegeheime ersetzen und dies alles bei möglichst sinkenden Mieten. Um diese komplexe Problematik zu lösen, ist eine stärkere Vernetzung der einzelnen Ressorts nötig, um ressortübergreifend Kompromisse zu finden, die nicht zwingend zusätzliches Geld erfordern, sondern lediglich ein Wollen. Nur mit Ehrlichkeit im Umgang, dezentralen Lösungen im ländlichen Raum sowie der ganzheitlichen Betrachtung von Quartieren können die Weichen für die nächsten Jahre gestellt werden", fordert Dr. Axel Viehweger, Vorstand des VSWG. "Denn die Wohnungswirtschaft ist eine Branche, die für zehn bis 15 Jahre im Voraus plant und immobil ist.“

 

Bild oben: Fotolia ©Ingo Bartussek
Bild Mitte und unten: Fotolia ©Photographee.eu