Immobilien & Gesundheit

Exklusive Interviews

Berlin,  20. September 2016


Interview Gunther Adler | Staatssekretär BMUB | Smart Home, AAL & Energie

Smart Home stellt kein Nischenthema mehr dar – sondern eine Gesellschaftsaufgabe. Diese Aussage von Staatssekretär Gunther Adler, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), getätigt auf dem Smart Home-Kongress in Hannover, untermauert er im Exklusiv-Interview mit dem Wirtschaftsbrief Gesundheit (WIB). Chefredakteurin Thordis Eckhardt sprach mit ihm über die Rolle von Smart Home, altersgerechten Umbau, AAL und Sicherheit bei der Bewältigung der Herausforderungen der demografischen Entwicklung in Deutschland.


WIB: Herr Staatssekretär Adler, welche Rolle spielt das Thema Smart Home für BmuB in den Bereichen Bau, Umwelt und Sicherheit?

Staatssekretär Adler: Der demografische Wandel stellt uns vor große Herausforderungen: Bis 2030 wird sich die Zahl der über 80jährigen verdoppeln und die Zahl der über 100-Jährigen verdreifachen. Damit ältere Menschen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung leben können, müssen wir das Angebot an altersgerechten Wohnungen dringend ausweiten. Bis zum Jahr 2030 benötigen wir rund drei Millionen altersgerechte Wohnungen. Um diesen Bedarf zu decken, werden neben dem barrierefreien Bauen auch Smart Home-Lösungen immer wichtiger. Diese innovativen, elektronischen Assistenzsysteme können es Menschen ermöglichen, länger selbstbestimmt in ihrer vertrauten Wohnumgebung zu leben und – aufgrund des höheren Wohnkomforts – die alltäglichen Dinge leichter zu bewältigen. Allerdings müssen wir auch das Thema Datenschutz bei Smart-Home-Lösungen im Blick haben. Der Bürger muss wissen, was mit seinen Daten geschieht und die Möglichkeit haben, sie einzusehen.


WIB: Mit welchen Mitteln fördern Sie den altersgerechten Umbau, den Einbau technischer Assistenzsysteme und die Einbruchssicherheit?

Staatssekretär Adler: In den vergangenen acht Jahren wurden insgesamt über 260.000 Wohnungen mit Bundesmitteln und KfW-Mitteln altersgerecht umgebaut. Das reicht jedoch bei weitem nicht aus. Darum haben wir zum 1. Oktober 2014 die Zuschussförderung des KfW-Programms ‚Altersgerecht Umbauen- Zuschuss‘ wieder eingeführt. Mit diesem „KfW-Kombi-Programm“, kann der Barriereabbau, der Einbau altersgerechter Assistenzsysteme und – erstmalig – der Einbruchschutz gefördert und miteinander verknüpft werden. Aufgrund der hohen Nachfrage sind die vom Bund für das Jahr 2016 bereitgestellten Haushaltsmittel bereits vollständig ausgeschöpft. Zurzeit können daher im Kombiprogramm „Altersgerecht Umbauen-Zuschuss“ keine neuen Anträge mehr gestellt werden. Wir streben an, das sehr erfolgreiche Programm auch in 2017 fortzuführen.

Alternativ steht weiterhin die Zuschussförderung „Kriminalprävention durch Einbruchsicherung“ für Einzelmaßnahmen ausschließlich zum Einbruchschutz in Bestandsgebäuden zur Verfügung. In diesem Programm können auch im Jahr 2016 einbruchhemmende Maßnahmen gefördert werden. Die Mittel für dieses Programm werden für das Jahr 2017 von zehn auf 50 Millionen Euro aufgestockt. Damit reagieren wir auf das gestiegene Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung, das sich in der hohen Nachfrage nach unseren Programmen niederschlägt.


WIB: Die Bundesregierung ist der Meinung, dass das Smart Home eine wichtige Rolle in Bezug auf den Klimaschutz spielt. Inwiefern sehen Sie zwischen Vernetzung und Klimaschutz eine Verbindung?

Staatssekretär Adler: Smart Home-Lösungen können insbesondere im Wohngebäudebereich zu einer Steigerung des Wohnkomforts, der Lebensqualität und der Sicherheit beitragen. Mit Smart Home-Anwendungen wird aber auch ein Anstieg der Energieeffizienz verbunden sein. Denn eingesparte Energie hilft Kosten zu sparen sowie einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Deutschland befindet sich auf dem Weg in die digital vernetzte Gesellschaft. Dieser Weg ist unumkehrbar. Die intelligente Vernetzung wird vieles ermöglichen oder verbessern, so auch den Klimaschutz im Gebäudesektor. Vernetzung und Klimaschutz sind selbstverständlich eng miteinander verbunden: Die Energieeinsparung durch Energieeffizienz, die Verlagerung auf erneuerbare Energieträger sowie ein intelligentes Energiemanagement durch intelligente Stromnetze und Zähler, beispielsweise Smart Grids und Smart Meter, sind in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung.


WIB: Wie hoch ist die Chance, dass in der nächsten EnEV ein Punkt zur Technischen Gebäudeausstattung (TGA) aufgenommen wird? Wagen Sie eine Prognose: Wie könnte das inhaltlich aussehen?

Staatssekretär Adler: Eine Prognose möchte ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht abgeben. Wir stecken momentan in den Novellierungsarbeiten, die äußerst umfangreich und komplex sind. Fakt ist: Das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz und die Energieeinsparverordnung müssen besser aufeinander abgestimmt werden. Es ist daher vorgesehen, den ordnungsrechtlichen Rahmen neu zu konzipieren. Wir brauchen dafür ein abgestimmtes Regelwerk, das die erneuerbare Wärme- und Kälteversorgung mit dem Energiebedarf von Gebäuden als Gesamtsystem betrachtet. Hierbei müssen wir sowohl die Klimaziele als auch die Bezahlbarkeit des Wohnens und Bauens im Blick behalten.


WIB: Wechseln wir die Betreiberseite – von der Wohnungswirtschaft zur Pflegewirtschaft: Sie erwähnten, dass durch AAL- bzw. Smart Home-Anwendungen in Pflegeheimen ein Einsparpotential von rund drei Milliarden Euro realisiert werden könnte. Welche technischen Lösungen tragen denn Ihrer Meinung nach dazu bei? Wer wird Finanzierung und Einbau bezahlen?

Staatssekretär Adler: Technische Assistenzsysteme wie Smart Home, werden im Rahmen des Programms „Altersgerecht Umbauen“ gefördert. Die Förderung umfasst die Materialkosten und den Einbau der Anlagen. Die Smart Home-Lösungen können Pflegeheimaufenthalte sehr häufig zeitlich verzögern oder ganz vermeiden. Beispielsweise können Sturzmelder, vernetzte Notrufsysteme oder Anlagen zur Steuerung und leichteren Bedienung von Türen, Fenstern oder Rollläden den Wohnkomfort erhöhen und dazu beitragen, dass ältere Menschen länger in ihrem gewohnten Umwelt wohnen können.


WIB: Herr Staatssekretär, wir danken Ihnen für das Interview.


Bild: Gunther Adler @ BMUB