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Exklusive Interviews

Geesthacht,  17. April 2019


Interview Dr. Barbara Hogan | MVZ an der Elbe | Medizinische Versorgung

Blick in die Zukunft: Dr. Barbara Hogan stellt sich Ohne-Arzt-Praxen und Satelliten-Praxen für ländliche Regionen vor  

Klinische Innovationen in der ambulanten und stationären Versorgung zu etablieren, das ist das Ziel von Dr. Barbara Hogan, ärztliche Leiterin und Geschäftsführerin des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) an der Elbe, Geesthacht. Die 59-Jährige steht für die Überzeugung, Versorgungsstrukturen aus Patientensicht zu denken und zu realisieren – und ungewohnte Wege zu beschreiten. Zuerst in der Notfallmedizin, nun in der ambulanten Versorgung: Ihre Expertise führte sie an das MVZ an der Elbe, wo sie seit zwei Jahren mit dem Auf- und Ausbau zukunftsweisender Strukturen für die Region betraut ist. Wirtschaftsbrief Gesundheit (WIB) sprach mit Dr. Hogan über das MVZ-Konzept.


Interview: Thordis Eckhardt.


WIB: Dr. Hogan, Sie sind seit 28 Jahren Ärztin und eine Vorkämpferin für effiziente Strukturen in der Notfallmedizin – mit exzellenten Erfolgen. Nun streben Sie im ambulanten Sektor mit dem Aufbau von MVZs, Satelliten-Praxen und "Ohne-Arzt-Praxen" ähnlich innovative Umwälzung an. Warum?

Dr. Hogan: Der Grund sind die großen Herausforderungen, vor denen wir in der medizinischen Versorgung stehen. Während auf der einen Seite die Maximalanforderung der Patienten an die Medizin steht, reduziert sich andererseits die Anzahl der Einzelpraxen in der ambulanten Versorgung. Was wir angesichts dieser Entwicklungen benötigen, sind neue Versorgungsstrukturen – neue Konzepte, technologische Lösungen und integrierte medizinische Versorgungszentren. Alle an diesem Prozess beteiligten Player müssen sich bewusst sein, zukunftsorientiert arbeiten zu müssen.


WIB: Warum liegt eine Lösungsoption in den MVZs?

Dr. Hogan: Die medizinischen Versorgungszentren bündeln medizinische Fachangebote in einem Haus, ähnlich wie im Krankenhaus, nur ambulant. Die MVZs bieten eine Lösung, die medizinische Versorgung in der Fläche auch dann weiter zu gewährleisten, wenn immer mehr Arztpraxen in der Region schließen. Das liegt zum einen an der aus Sicht von Ärzten unattraktiven Lage auf dem Land oder in kleinen Gemeinden. Zum anderen am veränderten Berufsbild des Arztes: Die Eröffnung einer eigenen Praxis steht nicht mehr im Fokus der beruflichen Selbstverwirklichung junger Menschen. Die Strukturen in MVZs hingegen bieten Medizinern eine Anstellung als Facharzt, feste Arbeitszeiten und ein gutes Einkommen – ohne geschäftliche Verantwortung übernehmen zu müssen.  


WIB: Wie ist das MVZ an der Elbe strukturiert und welche Entwicklungen verfolgen Sie konkret?

Dr. Hogan: Eigentümer des MVZs ist ein Familienverbund mit medizinischem Hintergrund. Dieser Verbund hat mehrere Praxen in der strukturschwachen Region gekauft und zu medizinischen Versorgungszentren ausgebaut. Das MVZ an der Elbe ist das größte MVZ von den insgesamt sechs patientennahen Einrichtungen des Verbundes. In den vergangenen zwei Jahren haben wir das medizinische Portfolio unter meiner Leitung erweitert und bieten nahezu das gesamte Facharztspektrum an.

Der nächste Schritt sieht die Bereitstellung eines medizinischen Angebots in kleineren Gemeinden vor, in denen die ärztliche Versorgung nicht mehr gewährleistet ist. Zu denken wäre beispielsweise an eine mögliche Etablierung von Satelliten-Praxen oder "Ohne Arzt-Praxen". Hierzu müssten zuvor jedoch freiwerdende Arztpraxen auf dem Land erworben und rechtliche Grundlagen geklärt werden. Satelliten-Praxen könnten in der Zukunft so strukturiert werden, dass an jedem Wochentag beispielsweise ein anderer Facharzt – ein Orthopäde oder ein Gynäkologe – vor Ort die Sprechstunden abhält und behandelt. "Ohne Arzt-Praxen" wiederum könnten perspektivisch beispielsweise durch speziell ausgebildete medizinische Fachangestellte – sogenannte Nicht-ärztliche Praxisassistenten – besetzt werden, die unter telemedizinischer Anleitung eines Arztes Untersuchungen vornehmen würden.  


WIB: Abschließend ein weiter Blick in die Zukunft: Wie wird der Healthcare-Markt aussehen?

Dr. Hogan: Die Zukunft der integrierten Versorgung wird aus meiner Sicht ein Hybrid sein aus Ambulatorien und Krankenhäusern. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es zwischengelagert, also zwischen Krankenhaus und MVZ, eine Art Clinical Decision Unit gibt, nutzbar für beide Einheiten, ähnlich wie es diese bereits als kurz-stationäre Einheit (Kurzliegerstation) in den Notaufnahmen gibt.


WIB: Frau Dr. Hogan, ich danke Ihnen für das Interview.


Bild: @ Dr. Hogan